Sterkrade

Zeit bis zur Aufhebung

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Bild 4: Grundriss Kloster Sterkrade

1240 - 1255

Die Klostergründung vollzog sich in
2 Phasen:
Gründerin und erste Äbtissin des Klosters in Defth war Reginwidis von Hillen aus Kirchhellen, eine Schwester des Konrad von Hillen (oder Konrad von Recklinghausen); letzterer war Richter und erzbischöflicher Ministerial im Vest Recklinghausen. Reginwidis von Hillen hatte bereits das 1234 gegründete Kloster Duissern (Duisburg) als erste Äbtissin geleitet, in dem ab 1237 die Höchstbelegung von 25 Nonnen überschritten wurde. Der Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden erlaubte der Äbtissin 1240, auf dem Allod „Defth“ der Kölner Kirche (Grafenmühle bei Kirchhellen), das Konrad von Hillen ihr übertragen hatte, ein Zisterzienserinnenkloster zu errichten, und stellte es unter seinen Schutz (Quelle: HStA Düsseldorf, 1240 Kloster Sterkrade Nr. 1; Lacomblet-II, Nr.251). Konrad von Hillen (ein Bruder der Äbtissin) und seine Frau Adelheid übertrugen das Allod zum Andenken an die Eltern Theoderich von Hillen und seine Frau Bertrad sowie die Brüder Albert und Teoderich.
Der Standort wurde nach ca. 15 Jahren aufgegeben, weil das Gut Defth zu klein war und eine Kirche nicht vorhanden war. In dieser Zeit erhielt das Kloster als einzige Schenkung um 1250 nur ein Haus Losenberg von einem Dietrich von Wische (Janousek a.a.O., S. 131).

Reginwidis von Hillen und ihre Mitschwestern nahmen daher das Angebot des Burgherrn Adolf von Holten an, das Kloster von Defth auf seinen Herrenhof in Sterkrade zu verlegen, der eine ausreichende Existenzgrundlage mit der bereits vorhandenen Kirche bot. Eine zentrale Rolle bei der Rückverlegung des Klosters etwa 1254 spielte die Gräfin Mechthild von Holte-Arberg, Erbtochter des Adolf von Holte und Witwe des Kölner Burggrafen Gerard von Arberg, die das Kloster auch in den folgenden Jahrzehnten förderte und dessen wirtschaftliche Grundlagen festigte.

1255

Mechthild von Holte-Arberg schenkte den Nonnen mit Zustimmung ihres Sohnes Johann von Arberg das ererbte Patronatsrecht an der Kirche in Sterkrade mit allen Einkünften, Ländereien, einer Mühle und einem Fischteich zu ihrem Andenken, aber auch zum Andenken an ihre Eltern und ihres verstorbenen Mannes Gerhard, um so den Willen ihres Vaters Adolph von Holte zu erfüllen, der den Nonnen diese Schenkung schon früher zugesagt hatte. Sie bat überdies Erzbischof Konrad von Hochstaden um Zustimmung zur Schenkung, weil  die Nonnen arm und bedürftig und durch die Einkünfte der Kirche leichter zu versorgen wären (Quelle: HStA Kl. Sterkrade Nr.2; Lacomblet-II, Nr. 414 a.a.O., außerdem Janousek, S.134, 146 a.a.O.). Die Schenkungsurkunde trägt das Siegel des Kölner Erzbischofs, der damit der Schenkung zustimmte.


1256

Mechthild erhielt Unterstützung von ihrer jüngeren Schwester Helwigis (Heilwig), die mit Wilhelm van Horne (von Hurne) verheiratet war. Das Ehepaar van Horne schenkte seine Besitzanteile an der Solstätte, auf der die Kirche stand, sowie an den zugehörigen Ländereien samt Mühle ebenfalls dem Kloster.
Die Kirche wurde von nun an als Kloster- und Pfarrkirche benutzt. Da die Kirche mit allen Einkünften dem Kloster einverleibt war, konnte die Äbtissin hierüber verfügen, den Pfarrer und die Vikare bestimmen und deren Einkommen regeln.
 
1257
Auf die Bitte der Nonnen an Papst Alexander IV. um Aufnahme in den Zisterzienserorden forderte der Papst den Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden (1238 - 61) auf, er möge den Sterkrader Nonnen „eine ihnen genehme unter den approbierten Regeln“ geben (HSTA Düsseldorf, Kl. Sterkrade Nr. 5).
Es vergingen noch 14 Jahre bis zur Inkorporation im Jahre 1271. Die Gründe können nur vermutet werden (z.B. wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Gründungsphase in Verbindung mit einem Wechsel des Standortes; der allgemeine Widerstand des Ordens gegen Inkorporationen). Die Nonnen lebten in dieser Zeit nach den Zisterzienserregeln und wurden in den vorhandenen Urkunden als Zisterzienserinnen bezeichnet.

1262
Die Sterkrader Nonnen begannen den Bau der Sterkrader Wassermühle (später Mühle Sonderfeld).


1264

Der Streit um das Gut Defth zwischen den 5 Söhnen des Konrad von Hillen und dem Kloster wurde vor dem Gericht in Recklinghausen beigelegt. Die Söhne verzichteten auf alle Ansprüche gegen das Kloster.

 

1269/70

Mechtild von Holte und ihr Sohn Johann (Burggraf von Köln) bestätigten nochmals die Schenkung im Jahre 1255, nachdem Johann volljährig war.

1271

Das Generalkapitel bevollmächtigte die Äbte von Bohéries (Frankreich) und Marienstatt (Westerwald), bei zufriedenstellendem Befund einer Ortsbesichtigung das Klosters in den Orden aufzunehmen und der Aufsicht der Abtei Camp zu unterstellen (Canivez 1271:60).
Es sind zwar keine Zeugnisse über das Ergebnis der Visitation überliefert, aber die einsetzenden regen Beziehungen zwischen den Klöstern Kamp und Sterkrade zeigen, dass Sterkrade dem Kloster Kamp unterstand (z.B. kauften um 1300 beide Konvente gemeinsam Ländereien oder bezogen gemeinsam Einkünfte aus Gütern in Eversael). 

1278

Der Graf Everhard von der Mark verzichtete zugunsten des Klosters auf die Vogteiabgaben, die er vorher als Vogt von Werden vom „Herrenhof“ bezog. 

 

1280

Nach der Camper Chronik lebten 20 Nonnen im Kloster.

 

1281 – 88

Mechtild von Holten gewährte dem Kloster weitere Unterstützungen. Sie übertrug dem Kloster die neugegründete Siedlung in ihrer Freiherrlichkeit Biefang und verkaufte ihm das umfangreiche Landgut Laar (Duisburg-Meiderich).
Das Kloster wurde wohlhabend und erlebte bis ins 14.Jahrhundert hinein einen wirtschaftlichen Aufschwung durch Memorienstiftungen und Erwerbungen bzw. Schenkungen von Grundbesitz in Sterkrade, Kirchhellen, Bottrop, Gladbeck, Hünxe, Dinslaken, Walsum, Holten, Beeck, Hamborn, Mülheim und Borbeck.

1338

Sterkrade kam unter die Landeshoheit von Kleve, da der kölnische Einfluß nach der Schlacht bei Worringen zurückgedrängt wurde und die Herren von Stecke auf der Burg Holten den Gerichtsbezirk Beeck als Lehen dem Grafen von Kleve antrugen.

 

1382 - 1449

Anläßlich der Äbtissinnenwahl Lisa von Stecke (1382-1418) aus dem Hause "von Stecke" auf Burg Holten gelobte der Konvent dem Kamper Abt und seinen Nachfolgern Gehorsam und garantierte ihm und seiner Begleitung sicheres Geleit im Falle einer Visitation des Frauenklosters.
Dennoch begann das klösterliche Leben unter der Nachfolgerin, Äbtissin Adelheid von der Hoven, in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts von den zisterziensischen Idealen abzuweichen. “Die Disziplin im Kloster sank, die Ordensregeln wurden vernachlässigt und die Klausur nicht beachtet“ (Quelle: M.Dicks, S.152 a.a.O.). Ein verläßlicher Rückschluss auf den inneren Zustand des Konvents ist aber nicht möglich, weil nicht mitgeteilt wird, welche Veränderungen der klösterlichen Lebensweise reformbedürftige Regelverstöße darstellten bzw. nur Ausdruck einer legitimen Lebensentfaltung des Klosters waren. Hierzu gehörten sicherlich auch eine standesgemäße Versorgung der Nonnen und die finanzielle Ausstattung des Klosters.
Das ausgehende Mittelalter um 1400 war eine Zeit großer kirchlicher Wirren (Zusammenbruch der kichlichen Einheit durch das abendländische Schisma, Konflikt um den Primat des Papstes). Es dürften vornehmlich aber die gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. die Verarmung des niederen Adels und des Bauernstandes, die wachsende Bedeutung der Geldwirtschaft, des Handels und des städtischen Bürgertums) die Sorge der Nonnen um den Bestand des Klosters und der Privilegien bestimmt haben. Die Klosterreformen des 15.Jahrhunderts waren Teil einer breiten und generell geforderten Kirchenreform nach den Konzilen von Konstanz (1414 – 18) und von Basel (1431 – 49).
Manche Lebensweisen und Gebräuche galten nach außen zwar als Formen einer Verweltlichung und daher als Regelverstöße, waren aber letztlich mit kirchlicher Zustimmung das rechtmäßige Ergebnis jahrelanger Anpassungsprozesse an gesellschaftliche Veränderungen (vgl. auch Entwicklung anderer rheinisch-westfälischer Frauenklöstern der Zisterzienser). Das Reformziel war vor allem, Privateigentum der Nonnen abzuschaffen und diese wieder zu einer strengen Observanz zu verpflichten. Meist ging es bei den angeblichen Missständen um Gesprächskontakte der Nonnen mit der Außenwelt, um Besuchsreisen, um Kleidung, Schmuck und Privatvermögen, Beteiligung der Nonnen an den Ertragsüberschüssen des Klosters sowie um Klagen über mangelndes Gemeinschaftsleben oder um eigene Dienstboten.
Die regionalen politischen Entwicklungen hemmten offenbar die Reformbemühungen, z.B. wurde der Sterkrader Raum durch die „Soester Fehde“ zwischen dem Kölner Erzbischof Dietrich von Moers und der Stadt Soest in Mitleidenschaft gezogen, denn die Kamper Chronik erwähnt zerstörte Gebäude des Klosters Sterkrade in dieser Zeit.
Bereits 1449 verordnete das Generalkapitel der Zisterzienser Reformen in den Frauenklöstern des Ordens.


1460
Unter den Vorgängerinnen der Äbtissin Hadewigis von Loe (1460 - 74) waren Teile des Grundeigentums und sogar Bücher und sakrale Gegenstände langfristig bzw. auch unbefristet gegen Entgelt vermietet worden. Diese Praxis (vergleichbar mit dem heutigen Erbbaurecht) soll zu Vermögensverlusten des Klosters geführt haben, so dass die Äbtissin Hadewigis von Loe den Papst Pius II. (1458 – 64) um eine Überprüfung aller entsprechenden Verträge ihrer Vorgängerinnen bat. Der Papst setzte eine Kommission ein (den Propst von St.Kunibert in Köln, den Scholaster von St.Victor in Xanten und den Offizial von Münster), die „die dem Kloster entfremdeten Güter wiederbeschaffen“ sollte (Quelle: Janousek, S. 141 a.a.O.). Das Ergebnis der Überprüfung ist nicht überliefert. Vermutlich besteht aber ein Zusammenhang zu der damaligen Wirtschaftsentwicklung, als wegen fehlender Konversen der Orden das System der Eigenbewirtschaftung aufgab und zu einer feudalen Ordnung zurückkehrte (vgl. auch Entwicklung der Klöster Duissern oder Fürstenberg).
Die Nonnen konnten durchaus über ein eigenes Einkommen verfügen: Der Rentmeister des Kreises Dinslaken behandigte z.B. 1495 im Namen des Herzogs Johann von Kleve drei Nonnen zu Sterkrade (Carda de Graven, Katharina van Aldenbouchem und Carda van Hoemen) mit dem Gut Mellinchoeve.

1465

Zahlreiche Reformansätze gingen z.B. von der niederländischen "Devotio Moderna", von der Bursfelder bzw. Windesheimer Kongregation, von den Reformreisen des päpstlichen Legaten Nicolaus von Cues oder vom Abt Adam Meyer (Abt des Kölner Klosters Groß St. Martin und Reformator benediktinischer Klöster) aus. Auch die geistlichen und weltlichen Landesherren waren treibende Reformkräfte; sie versuchten allerdings auch, ihre Jurisdiktion auf exemte Klöster bzw. ihren Einfluss auf kirchliche Belange zu vergrößern. Der Herzog Johann I. von Kleve (1448-81) betrachtete die Unterstellung der Klöster unter die Landesverwaltung, den Anspruch auf Ausübung eines Visitationsrechts und die Reglementierung des geistig-sittlichen Lebens zur „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Moral“ als eine landeshoheitliche Aufgabe. Man versuchte ferner, die Klöster wegen ihrer Steuerimmunität (sog. "Tote Hand") beim Erwerb neuen Grundbesitzes zu behindern [vgl. Reformen der Klöster Schledenhorst (1459) und Fürstenberg (1467) im Herzogtum Kleve].
Unter dem Kamper Abt Heinrich von Ray (1452 - 83) und der Äbtissin Hadewigis von Loe (1461 – 73) begann am 8. Januar 1465 auf Initiative des Herzogs Johann I. und mit Unterstützung des Ritters Johann von Loe, eines Bruders der Äbtissin und Vasallen des Herzogs, eine Reform mit dem Ziel, die wirtschaftlichen Verhältnisse des Klosters Sterkrade zu ordnen und das Kloster zu einer strengeren Observanz zurückzuführen. Dabei wurde die Äbtissin nach innen von zwei reformwilligen Nonnen unterstützt: Die eine Nonne wurde aus dem Kloster Benden bei Brühl nach Sterkrade zur Mitwirkung bei der Reform zurückgeholt; sie hatte das Kloster Sterkrade verlassen, um in Brühl ein regelgetreues Leben führen zu können. Die andere Nonne war eine Verwandte der Äbtissin (Quelle: Keussen, Chronik des Klosters Kamp, S. 327 a.a.O.).
Es gab offenbar aber im Kloster erhebliche Widerstände gegen eine Verschärfung der Observanz, da sich mehrere Nonnen beim Herzog über angebliche Mißhandlung bzw. Vertreibung beschwert haben sollen (Quelle: von Roden, S. 155 a.a.O.).
Für einen wirtschaftlichen Neubeginn sorgte vor allem Johann von Loe, der verfallene bzw. zerstörte Klostergebäude erneuern und den Klausurbereich durch eine Mauer einfrieden ließ. Der Abt von Camp unterstützte mit 20 rheinischen Goldgulden die Instandsetzungsarbeiten, und der Herzog von Kleve wies 1466 seine Drosten und Richter an, dem Kloster bei der Erhebung von Einkünften, bei Pfändungen oder Verfolgung von Wald- bzw. Fischereifreveln Rechtsschutz zu leisten.
Das Generalkapitel beauftragte 1466 nach den Reformen in Schledenhorst und Sterkrade den Abt von Kamp, Heinrich IV. von Ray, mit einer Reform aller ihm unterstellten Frauenklöster auf dem Gebiet Kleve/Mark. Das reformierte Kloster Sterkrade erlebte eine religiöse Erneuerung, denn 10 Jahre später wurde mit Hilfe Sterkrader Nonnen die Klosterreform in Saarn (1476) durchgeführt.

1476

Die Sterkrader Äbtissin Margarethe von Heiden (vermutlich 1473 gewählt) wurde 1476 zu einer Klosterreform nach Saarn geholt und blieb dort Äbtissin (1476 bis etwa 1490).

 

1484- 88

Die Klosterkirche erhielt ein neues Chorgestühls (seit der Aufhebung 1809 in der Maximiliankirche Duisburg-Ruhrort).

Die Kirche war nur einschiffig. Aus der gemeinschaftlichen Nutzung als Kloster- und Pfarrkirche ergaben sich Probleme zwischen dem Konvent und den Weltgeistlichen, insbesondere seitdem innerhalb der Pfarrei drei Vikarien etwa seit der 2.Hälfte des 15. Jhs. bestanden. Auf Bitten der Nonnen verbot der Kölner Offizial 1488 den Geistlichen in der Pfarrkirche jede Störung der klösterlichen Gottesdienste und Stundengebete. Die Situation entspannte sich erst, nachdem der Gemeindegottesdienst in einen Arm des Kreuzganges der Abtei verlegt wurde.

 

1543
Im Geldrischen Erbfolgekrieg (Auseinandersetzung um das Herzogtum Geldern zwischen dem Herzog der vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg-Mark und Kaiser Karl V. im Jahre 1543) ließ der Klever Herzog Wilhelm V. mit Billigung der Landstände die Kirchenschätze aller Kirchen, Klöster und Stifte zur Bezahlung der Kriegskosten beschlagnahmen. Nach dem erhaltenen Ablieferungsverzeichnis für das klevische Amt Dinslaken (Quelle: G.Aders, Düsseldorfer Jahrbuch 1951, Bd. 45, S.269-79) lieferten der Beichtiger des Klosters Johannes Kuick und der Pastor Arnold Mich am 3.7.1543 eine Monstranz, Teile einer weiteren Monstranz sowie einen Kelch und zwei Patenen ab.


1550
Ein Güterregister des Klosters gibt Auskunft über den Grundbesitz und die Abgabelasten der Pächter.

1555 - 70

Der Protestantismus konnte nach dem Augsburger Religionsfrieden auf klevischem Gebiet insbesondere in den Räumen Wesel, Moers, Duisburg und Holten Fuß fassen.
Der Herzog von Kleve-Jülich-Berg, Wilhelm IV. der Reiche (1539-92), lag mit Kurköln im Streit, weil er in kirchliche Angelegenheiten eingriff und Kirchenvisitationen selbst durchführte. Auch wenn er 1543 im Streit um das Herzogtum Geldern dem Kaiser

Karl V. militärisch unterlag und versprechen mußte, die Reformation rückgängig zu machen, so duldete der Herzog offen die Reformation.
Das Kloster Sterkrade blieb als katholische Institution erhalten. Konkrete Nachrichten sind nicht überliefert, dass Nonnen wegen einer protestantischen Überzeugung das Kloster verließen oder verlassen mußten. Dennoch dürften sich innere Probleme teils durch reformatorische Einflüsse, teils durch Veränderung der Lebensweise zum adligen Damenstift ergeben haben. Die Äbtissin Elisabeth von Loe (1536–69) konnte offenbar reformatorische Tendenzen unterdrücken; sie setzte z.B. den Klosterpfarrer Heinrich ter Steegen 1561 ab, weil er durch seine Heirat sich der neuen Lehre anschloss, und verpflichtete den nachfolgenden Pfarrer Sergius Wessink (1561-84) ausdrücklich, sein Amt nur nach der alten Lehre auszuüben. Der kath. Pfarrer beschwerte sich seinerseits bei der Regierung in Kleve, in seiner Amtsausübung im Kirchspiel Holten vom dortigen protestantischen Prediger behindert zu werden (Quelle: Gravamina religionis in Herzogtum Kleve, 1723, Nr. 44).
Das Kloster wurde seither als hochadelige Abtei, hochadlig freies Kloster oder freiadeliger Konvent bezeichnet.

1574

Das Konzil von Trient (1545-63) hatte in seinem Bestreben, durch einen inneren Reformprozess die Ausbreitung des Protestantismus einzudämmen, auch Maßnahmen zur Erneuerung des klösterlichen Lebens beschlossen. Das Generalkapitel beschloss daher 1565, durch beauftragte Visitationskommissare alle Klöster wieder zu einer strengen Observanz zu verpflichten, Privateigentum abzuschaffen und alle der Häresie verdächtigen Personen oder Bücher aus den Klöstern zu entfernen.
In diesem Sinne visitierte der Generalabt von Citeaux, Nikolaus Boucherat (1571-85) zwischen Juni – September 1574 ca. 50 Klöster in den Diözesen Köln und Lüttich. Er besuchte das Kloster Sterkrade am 12.7.1574, in dem 14 Nonnen einschl. Äbtissin lebten. Das klösterliche Leben folgte keineswegs den strengen Klausurregeln. Das Kloster war nach seinem Bericht “nicht reformiert, obgleich es eine gute und religiöse Äbtissin (Anna von Droste 1569–77) hatte. Auch wollten die Nonnen nicht gehorchen, so dass er das Kloster reformiert und die Hilfe des Landesherrn erbeten habe” (Quelle: Postina S. 225 und 262 a.a.O.).
Es ist nicht bekannt, wie der Herzog reagierte und welche Schlußfolgerungen gezogen wurden. Für die Nonnen konnte die Reform nur die Unterwerfung unter die geforderte strenge Observanz bedeuten. Eine dauerhafte Wirkung der Reform wurde aber vermutlich aufgrund der äußeren Bedrängnisse in den nächsten Jahrzehnten nicht erreicht.
 

1583 – 98

Der Freiheiheitskampf der Niederländer gegen die spanische Herrschaft wurde z.T. vom Truchsessischen Krieg (1583–88) überlagert, der mit dem Übertritt des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Gebhard Truchseß von Waldburg zum Protestantismus begann. Das Kloster Sterkrade wurde durch niederländische Truppen unter dem Befehl von Martin Schenk von Nydeggen so verwüstet, dass sich der Konvent ca. 40 Jahre lang bis 1623 im Kastell zu Holten aufhielt. (Nydeggen überfiel z.B. auch Ruhrort und benachbarte Ortschaften und zerstörte das Kloster Duissern). Es ist kaum anzunehmen, dass unter diesen äußeren Bedingungen das klösterlichen Leben den Idealen entsprach.
Verschiedene Mitteilungen, dass der Konvent während des Aufenthalts in Holten ohne Äbtissin war, treffen jedoch nicht zu (Quelle: von Roden, Äbtissinnenliste S.157 und 181-82 a.a.O.). Die spanisch-niederländische Präsenz im Herzogtum Kleve zog sich bis 1609 hin. Dabei kam es im Krisengebiet sowie auch im Vest Recklinghausen und im südlichen Münsterland zu Überfällen der Kriegsparteien, z.B. wurde 1598 der Ort Holten einschl. Kirche von spanischen Söldnern zerstört.

1623 - 49

Das Kloster in Sterkrade wurde unter der Äbtissin Elisabeth von der Capellen (1617-27) mühsam aufgebaut, so dass der Konvent ab 1623 wieder in Sterkrade wohnte.
Über die inneren Verhältnisse bzw. strenge Beachtung der Ordensregeln haben sich Nachrichten nicht erhalten, obwohl der Kölner Erzbischof Ferdinand von Bayern im Zuge der Gegenreformation schon ab 1612 auch für das Vest Recklinghausen kirchliche Kommissariare mit der Durchführung von Reformen im Sinne des Konzils von Trient beauftragt hatte.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse blieben angespannt. Im 30-jährigen Krieg verwüsteten und plünderten Söldnertruppen unter Ernst von Mansfeld und Christian von Braunschweig das Münsterland (z.B. Raesfeld). Das Kloster Sterkrade konnte erneute Zerstörungen nur durch Kontributionszahlungen verhindern. Kaiser Ferdinand II. stellte 1628 einen Schutzbrief für die „Clerisey im Fürstentum Cleve“ aus, namentlich auch für das Kloster Sterkrade, weil spanische Truppen große Schäden im Fürstentum anrichteten. Dennoch plünderten 1632 kroatische Truppen unter dem kaiserlichen Reitergeneral Isolani das Kloster, und nach ihnen erpreßten Hessen und Schweden Kriegszahlungen. Aufgrund der verursachten Schäden an den Klostergütern konnten teilweise die Klosterpächter ihre Abgaben nicht aufbringen.
Vor diesem Hintergrund verweigerten die Nonnen 1649 selbst dem päpstlichen Legaten Fabio Chisi (später Papst Alexander VII.), der in Münster an den Verhandlungen über den Westfälischen Frieden teilnahm, das Gastrecht, als er auf seinem Rückwege von Münster nach Aachen im Kloster übernachten wollte.

 

1663

Im Konvent herrschte eine oppositionelle Stimmung gegen die Äbtissin Anna Maria von der Capellen (1627-64) wegen angeblich schlechter Kloster- und Haushaltsführung.
Der Abt von Kamp (Polenius, 1636-64) berichtete in einem Schreiben vom März 1663, daß   “es wegen der Klagen sämtlicher Juffrawen zu Sterkrade, auch gutenteils derselben Anverwandten notwendig gewesen sei, eine Visitation im Kloster durchzuführen über die zeitliche Frau Äbtissin unregulierte Regierung und nunmehr landkundliche schädliche Menage. Wenn diese noch weitergehe, werde des Klosters totaler Ruin und Untergang .. in wenigen Jahren erfolgen” (Quelle: von Roden, S. 157 a.a.O. mit Bezug auf HStA Düsseldorf, Kleve-Mark 1199, BI. 20 f.).
Der Ausgang des Verfahrens ist unbekannt. Es ist kein einziger Punkt über entstandene wirtschaftliche Nachteile oder über Benachteiligungen der Nonnen bekannt. Die Angelegenheit erledigte sich vermutlich durch den Tod der Äbtissin 1664 von selbst, sie deutet vielmehr auf das Ringen der Nonnen um ein standesgemäßes Leben und die geforderte Beachtung der Ordensregeln hin (vergleichbarer Fall im Kloster Saarn

20 Jahre früher unter demselben Abt).

1670
Das Kloster führte zahlreiche und langwierige Prozesse gegen Klosterpächter insbesondere im Amt Beeck. Die Bauern wurden in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen französischen und holländisch/brandenburgische Truppen um die Rheingrenze (Marschall Turenne zieht 1671-72 mit seinen Truppen bis Wesel und von hier lippeaufwärts über Dorsten bis Werl) durch Kontributionen und Fouragelieferungen betroffen, so dass sie dem Kloster keine oder nur geringe Abgaben leisten konnten. Aber auch um andere Besitzrechte, Viehtriften oder Wegerechte des Klosters gab es häufige gerichtliche Auseinandersetzungen. 

Die Pfarrstelle war bis etwa 1670 stets mit Weltgeistlichen besetzt. Durch die Wirren der Reformation waren die Ausfälle des Pfarreinkommens so groß, dass trotz einer Stiftung der Äbtissin Elisabeth von der Capellen (1627) das Pfarrvermögen für die Unterhaltung der Pastorat nicht ausreichte. Die Pfarre und die drei vorhandene Vikarien wurden zusammengelegt, die Geistlichen wohnten im Kloster und wurden hier versorgt. Durch die Abhängigeit des Pfarrers vom Kloster war die Pfarrstelle in dieser Zeit nicht lukrativ und Ursache häufiger Streitereien zwischen Pfarrern und Äbtissinnen. Mehrfach kam es dazu, dass der Pfarrer die Pfarrstelle aufgab bzw. entlassen wurde. Zwischen 1670 und 1766 waren Camper Mönche gleichzeitig Pfarrer und Beichtväter in Personalunion. Der jeweilige Vikar war meistens auch Klosterverwalter und Sekretär der Äbtissin.


1674
Regierungszeit der Äbtissin Anna Catharina von Nunum gt. Dücker (1674-1716).
Das Wappen der Äbtissin wurde Stadtwappen von Sterkrade.

 

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Bild 8: Wappen am heutigen Gemeindezentrum

1684
Ein Brand in den Klosterwäldern von Defth verursachte erheblichen Schaden.

1690 - 1717
Im Spanischen Erbfolgekrieg erlitten die Klosterpächter Schäden unter den mehrfachen Durchmärschen französischer Truppeneinheiten. Ferner führten Mißernten, Sturmschäden, eine Typhusepidemie, ein Brand im Dormitorium (1703), dessen Wiederaufbau bis 1717 dauerte, sowie die zu leistenden Steuern zu erheblichen finanziellen Belastungen des Klosters (die weltlichen Herrscher insbesondere der preussische König Friedrich Wilhelm I. besteuerten das Patronatsrecht des Klosters).
Äbtissin Anna Catharina von Nunum erwies sich als geschäftstüchtige Frau, die die Wirtschaftslage des Klosters durch verschiedene Maßnahmen zu verbessern suchte: Das Kloster nahm adelige Damen (vermutlich Angehörige der Nonnen) als Dauergäste in Kost und Logis. Eine Zeit lang erhielten junge Mädchen französischen Sprachunterricht und Tanzunterricht.

Ab 1712 übernahmen die Minoriten-Patres aus Duisburg seelsorgerische Aufgaben.

 

1738

Das „wundertätige“ Sterkrader Gnadenbild "Unsere Liebe Frau vom guten Rat" (eine Kopie des Bildes "Mariahilf" in Passau bzw. eines Marienbildes von Lukas Cranach d. Ä.) machte das Kloster zu einem Marien-Wallfahrtsort, der 1744 kirchlich anerkannt wurde. 


1747

Die schlechte Wirtschaftslage des Klosters hatte zum Verkauf von Zehntrechten geführt. Es wurde der Guardian der Duisburger Minoriten als Kommissar bestellt, den Verkauf von „Zehnten der Abtei“ zu überprüfen (Quelle: von Roden, S.157 a.a.O.).

Sterkrade - Antoni-Hütte
Bild 9: St.Antony-Hütte 1850, Rheinisches Industriemuseum, Archiv St.Antony-Hütte

1753 - 58

Die im 18. Jh. einsetzende Industriealisierung ging nicht spurlos am Kloster vorbei. In die Amtszeit der Äbtissin Antonetta Bernadine von Wrede (1751- 88) fiel ein langer Streit des Klosters gegen Franz Ferdinand von Wenge, Domherr zu Münster, Gründer der Antony-Hütte (Wiege der Schwerindustrie, später Gute-Hoffnungs-Hütte).
Die Nonnen des Sterkrader Klosters protestierten und prozessierten gegen den Bau der Antony-Hütte. Sie befürchteten den Dammbruch des Hüttenteiches und die Verunreinigung des Elpenbaches durch die Erzwäsche, dessen Wasser sie zum Backen, Brauen, Waschen, zur Viehtränke und Fischzucht benötigten. Die adeligen Damen hatten zunächst Erfolg, denn ein Gericht in Dorsten verbot den Hüttenbau, so dass die Produktionsaufnahme verzögert wurde.
1756 sprach der Kölner Erzbischof ein Machtwort und verbat sich die ständigen Proteste der Klosterdamen.

1756
Die Nonnen wurden vom Kölner Erzbischof Clemens August angewiesen, die Klausur strenger zu handhaben (Möglicherweise waren die vorausgegangenen Querelen aber ursächlich. Bei Robertz S. 195 a.a.O. heißt es u.a., dass „Männer in Frauenklöstern sind und dort tanzen. Nonnen gehen aus und nehmen an Tanzfestlichkeiten teil.“).
Der Pfarrer hatte die bischöfliche Anweisung vom Kamper Abt erhalten und der Äbtissin ausgehändigt; er wurde gerichtlich zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er „unzulässigerweise im Herzogtum Kleve ein kurkölnisches Mandat verkündet hätte“ (Quelle: von Roden, S.158 a.a.O.). Die Angelegenheit ging bis zum preussischen König. Der Abt trug die Geldstrafe und ließ die brisante Angelegenheit auf sich beruhen (Quelle: Robertz, S.198 a.a.O.).

1780

Unter den liberalen Ideen der Aufklärung drohte dem Kloster die Aufhebung, da die angestrebten staatlichen Reformen im Wirtschafts-, Sozial- und Bildungsbereich mit dem Vermögen der Stifte und Klöster finanziert werden sollten, die als überflüssig galten, soweit sie keine karitativen, seelsorgerischen oder pädagogischen Aufgaben ausübten. Die Säkularisierung wurde zwar durch die Reichsstände verhindert, jedoch führten die politische Entwicklung in Europa und das Ende des "Alten Reiches" (1806) dazu, dass das Kloster Sterkrade erst 1809 endgültig aufgehoben und der Besitz verstaatlicht wurde.
Wenige Jahre vor der Aufhebung erlebte Sterkrade 1788 noch die „Affäre Follmer“ (Quelle: Robertz, Urkundensammlung S. 200 a.a.O.). Der Dominikaner Follmer war 1785 als Kaplan und Sekretär von der Äbtissin Wrede angestellt und mit der Klosterverwaltung betraut worden. Er nutzte seine Stellung unter der in Geldgeschäften unerfahrene Nachfolgerin (Äbtissin Franzisca von Andlau 1788- 1803) zu seinem Vorteil aus. Die letzte Äbtissin Johanna von Linsingen erreichte sofort nach ihrem Amtsantritt mit Hilfe einer preussischen Regierungskommission, dass Follmer 1804 das Kloster verließ.

 

1809

Klosteraufhebung



Redakteur: H.Dickmann - Aktualisierung: 28.08.2016