St. Servatius

Gründungszeit

Nach der Gründung eines Missionszentrum in Utrecht durch den iroschottische Missionar Willibrord (erster Bischof von Utrecht) waren die Bischöfe durch Verleihung von Privilegien und Landschenkungen der sächsischen und fränkischen Kaiser auch Reichsfürsten über ein weltliches Herrschaftsgebiet geworden, das etwa den heutigen Provinzen Utrecht, Overijssel, Drenthe und Groningen entsprach. Die Bischöfe wurden jedoch nach dem Investiturstreit zunehmend vom Einfluss des deutschen Kaisers unabhängig.
Utrecht gehörte als Bischofsstadt und Handelsmetropole seit dem 11. Jh. zu den bedeutendsten mittelalterlichen Großstädten im Reichsgebiet. Die Bischöfe gerieten nach außen mehrfach mit den Grafen von Holland und den Grafen von Geldern um die Sicherung und den Ausbau ihrer Territorien in Konflikt. Das ursprünglich einheitliche Stiftsgebiet Utrecht wurde in ein Oberstift und Unterstift getrennt, nachdem die Grafen von Geldern nach einer Auseinandersetzung mit dem Bischof von Utrecht 1182 die Veluwe erhielten. In der Gründungszeit des Klosters St.Servaas übten insbesondere die Edelherren von Lippe als Bischöfe und Reichsfürsten ihre Hoheitsrechte in den Niederlanden und im nordwestdeutschen Raum aus, als sie in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Bischofsstühle in Utrecht, Bremen, Hamburg und Paderborn besetzten.
Im Laufe der Zeit verloren die Bischöfe ihre weltliche Herrschaftsgewalt über die Stadt Utrecht an die Bürgerschaft, nachdem Utrecht 1122 Stadtrechte erhielt. Die bischöflichen Schöffen bildeten ursprünglich die städtische Führungsschicht. Bis zum Ende des Jahrhunderts entwickelte sich der Rat der Stadt Utrecht („consules“ oder Ratsherren) aus den Schöffen und den reichen Stadtpatriziern. Außerdem erwarben die Handwerker- und Kaufmannsgilden durch ihre Aldermänner (Bürgermeister) Anteil an der Stadtverwaltung und erreichten 1304 die Einführung einer Ratsverfassung, durch die das bisherige Schöffenkollegium abgelöst und dem Rat untergeordnet wurde. Diese Entwicklung vom bischöflichen Stadtregiment bis zur bürgerliche Selbstverwaltung war der Entwicklung der mittelalterlichen Ratsverfassung z.B. der Stadt Köln sehr ähnlich.

Utrecht besaß viele Kirchen und kirchliche Institutionen. Die Stadt hatte außer zahlreichen Pfarrkirchen des Bürgertums noch 5 Kapitelkirchen und war Sitz zweier geistlicher Ritterorden (Johanniter/Malteser und Deutscher Orden). Die seit dem frühen 10.Jh. bestehenden Kathedralkapitel St. Salvator und St. Martin wurden durch die Stiftungen der Kapitelkirchen St. Peter (1048), St. Johannis (1054) und St. Marien (1085) erweitert, um den Status Utrechts als kirchliches Machzentrum zu vergrößern. Kollegiatsstifte waren im Mittelalter weit verbreitet. Die Vergabe eines Kanonikats (Pfründe) war nicht nur vom Ausbildungsstand des Bewerbers, sondern auch von verwandtschaftlichen Beziehungen, päpstlicher Provision und kaiserlicher Vermittlung abhängig. Zu den Pflichten zählten insbesondere die Liturgiefeier und die Verwaltung des Stiftsvermögens. Für das mönchsartige Zusammenleben von Kanonikern (Gemeinschaft von Weltgeistlichen bzw. Säkularkanonikern in einem Kollegiatstift) galt seit der fränkischen Zeit die auf dem Reichstag in Aachen (816) beschlossene Vorschrift („ Aachener Regel “), die das Gemeinschaftsleben (vita communis) als Lebensform der Kanoniker regelte und ihnen eine Teilhabe an den Stiftsgütern zusprach bzw. Eigenbesitz erlaubte. Die Kanonikern der Stadtkapitel hatten seit 1145 in Utrecht das Recht, den Bischof zu wählen; sie gehörten zur Führungselite der bischöflichen Stadtherrschaft.
Teile des Grundbesitzes der Kirche von St. Johannes stammten aus umfangreichen Mooren entlang der Vecht im Grenzgebiet zur Provinz Holland. Das Kollegiatstift überwachte die Entwässerung und erhielt für die Nutzung und Verwaltung des neu gewonnenen Landes vom Landesherrn umfangreiche Rechte. Nach dem Nekrolog von etwa 1223 des Klosters Servaas wurde ein Kanoniker Johannes als „fundator und custos“ dieses Klosters bezeichnet. Er muß ein einflußreicher und vermögender Mann gewesen sein, um das erforderliche bzw. erwartete Startkapital für eine Klosterstiftung aufzubringen; als Kapitelherr war er ein Mann adeliger Herkunft. Johannes wurde noch zweimal in Urkunden (1227 als Zeuge und 1232 als Bevollmächtigter des Zisterzienserinnenklosters Ter Hunnepe) erwähnt. Auch finden sich in anderen Quellen Hinweise, dass noch weitere Kapitelherren des Kollegiatstifts St. Johannes bis 1250 verschiedene Klöster in Utrecht unterstützten (Quelle: J. J. van Moolenbroek, Servatius en Johannes. Over de vroegste geschiedenis van het Utrechtse vrouwenklooster St. Servaas, Jaarboek Oud-Utrecht, 1997, S.172 ff).

Aus dem Bericht der Kamper Chronik über die Gründung von St.Servaas, der vermutlich auf ältere Quellen zurückgeht und in dem sich sachliche Mitteilungen mit der Servatius-Legende vermischen, geht folgendes hervor: Die Nonnen wechselten 1225 auf den Rat des Utrechter Bischofs Otto II. von Lippe (+ 1227) ihre Ordenszugehörigkeit gegen den Willen der Äbtissin Hulynde, die den Konvent verließ. Außerdem ordnete der Bischof die Verlegung des Klosters auf seine Kosten an (Quelle: Kamper Chronik, S.284 a.a.O. ). Es bleibt zweifelhaft, ob die Verlegung des Klosters mit dem Ausbau der Stadtbefestigung zusammenhing, zumal das Benediktinerinnenkloster St. Stevensabdij im benachbarten Oudwijk nicht verlegt wurde. Nach dem Tod des Bischofs (Niederlage in der Schlacht bei Ane nahe Coevorden bei dem Versuch, die freien Drenther und Bentheimer Bauern unter ihrem Anführer, dem Burggrafen Rudolf von Coevorden, lehnspflichtig zu machen) nahm sein Nachfolger Wilbrand von Oldenburg (u.a. auch Bischof von Paderborn) den Konvent in seine Obhut und ließ Kloster mit Klosterkirche in der Stadt Utrecht errichten; er wurde dort 1233 begraben.
St.Servaas war eins von insgesamt 19 Zisterzienserinnenklöstern in den Niederlanden. Die städtische Lage ermöglichte eine wirtschaftliche Eigenversorgung nur im geringen Umfang, so dass der Konvent auf die Geld- und Naturalleistungen aus Stiftungen, Renten und Verpachtungen des außerstädtischen Grundbesitzes für seinen Lebensunterhalt angewiesen war sowie auf die Eigenmittel (Mitgiften), die die Nonnen beim Klostereintritt von ihren Familien erhielten.
Die räumlichen Verhältnisse dürften in der Gründungsphase noch beengt gewesen sein bzw. das Kloster war rasch überfüllt, da bereits 1244 eine Gründungskolonie mit Nonnen aus St.Servaas in den ersten Konvent des Klosters Mariendaal eingegliedert wurde.

Redakteur: H.Dickmann - Aktualisierung: 20.01.2016