Netze

Zeit nach der Aufhebung

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Bild 9: Klosterkirche, Innenansicht

1527

Der Reformationsprozess in Waldeck war eng mit der Person des Landesherrn Philipp IV. von Waldeck-Wildungen (1493–1574) verbunden, der unter dem Einfluss seines Lehnsherrn, des Landgrafen Philipp von Hessen (1504–67), die Reformation bereits 1526 in Waldeck einführte. Eine Kirchenordnung wurde relativ spät im Jahre 1557 erlassen. Die Klosterpolitik des Waldecker Grafen zielte darauf ab, die Klöster langsam "aussterben" zu lassen und mit dem Klostervermögen Sozialreformen in der Armen- und Krankenfürsorge und im Bildungswesen zu finanzieren. Die Nonnen des Klosters Netze konnten im Kloster bleiben, mußten aber protestantisch werden, um ihre Unterhaltsansprüche nicht zu verlieren. Von einigen Nonnen ist bekannt, dass sie das Kloster verließen und abgefunden wurden: Katharina von Buchholz trat als Erzieherin in gräfliche Dienste. Margarethe von Rhena gab 1529 das Klosterleben auf und wurde mit 25 Gl. abgefunden. Margarethe Mylen, die 1535 das Kloster verließ und heiraten wollte, erhielt eine lebenslängliche Rente. Die Äbtissin Katharina von Rhena, die Küsterin Else von Wildungen und die Kellnerin Anna von Wildungen wohnten mit einigen anderen Nonnen bis an ihr Lebensende im Kloster (Quelle: Varnhagen S. 88 a.a.O.).


1532

Es war den Nonnen noch bis 1553 erlaubt, die Klostergüter selbst zu verwalten. So verzichtete z.B. der Konvent auf den Rodezehnt zu Netze zu Gunsten des Grafen Philipp, der versprach, die Bauern in Netze zur Zahlung der dem Kloster geschuldeten Pachtabgaben zu veranlassen (Quelle: HStAM 85, Nr. 9064 a.aO.). Da der Graf selbst in Geldnot war, erließen ihm Äbtissin und Konvent 1539 einen Teil seiner Schuldzinsen für geliehenes Kapital (Quelle: HStAM 85, Nr. 9067 a.a.O.: ".. von den ihnen von Graf Philipp für 150 Gl. verschriebenen 24 Viertel partim jährlich sechs Viertel schwinden lassen zu wollen").


1540

In Netze war seit 1537 Stephan Rullen (der letzte Beichtvater aus dem Kloster Marienfeld) nunmehr evangelischer Pfarrer. Graf Philipp brachte die Äbtissin und den Konvent 1540 dazu, aus dem Klostervermögen die evangelische Pfarrei in Netze sowie die Versorgung des ev. Pfarrers zu stiften. Der verheiratete, aber erbenlose Stephan Rullen ließ 1540 ein Armenhaus (später Hospitalhaus) errichten (Inschrift über dem Hauseingang: „Hospitalhaus von Pfarrer Stephan Rullen und seiner Ehefrau Katharina für arme unbescholdene Netzer Leute am 25. Februar anno domini 1540 gestiftet. Zeuge Pfarrer Johann Hefentreger“).


1552 - 57
Der Niedergang des Dorfes hatte direkte Auswirkungen auf das Kloster, als der Ritter von Dalwigk mit seinen Kriegsknechten das Dorf Netze 1552 ausplünderte. Innerhalb der Grafschaft Waldeck hatten sich kleine Adelsgeschlechter eigene Machtbereiche geschaffen, so z.B. die Herren von Dalwigk im Amt Lichtenfels. Möglicherweise handelte es sich um einen späten Vergeltungsakt für die Vertreibung der Dalwigker von den Burgen Naumburg und Weidelsburg.
Die Klostergüter wurden 1553 in eine gräfliche Meierei (Gutshof mit ca. 1.000 Morgen Land) umgewandelt und unter die landesherrliche Verwaltung gestellt. Graf Philipp IV. schloss mit Äbtissin und Konvent einen Vergleich, der den noch im Kloster lebenden Nonnen aus den Einkünften des Gutshofes „Freien Tisch nach des Hauses Vermögen“ garantierte. Tatsächlich verbrachten die Nonnen aber ihre letzten Lebensjahre in großer Armut vor allem durch die 1553 und 1567 herrschenden Pestepidemien, die zur weitgehenden Verödung der Dorfes Netze führte. Der letzte Klosterpfarrer Otto Kurzledder beschrieb in der Netzer Klosterbibel das Leid jener Zeit: „Anno 1553 habe ich, Otto, begraben hier zu Netze 100 Menschen, den(en) Gott gnade“.
Der Konvent hatte offenbar in dieser Notzeit Schulden machen und z.B. im Jahre 1556 zwei Erbwiesen vor Netze für 45 Thaler und im Jahre 1557 eine Hufe bei Naumburg für 40 Thaler verpfänden müssen; die Schuldverschreibung des Klosters aus dem Jahre 1557 wurde von Nikolaus Weigel (Sekretär des Grafen) abgelöst (Quelle: HStAM, Bestand 85, Nrn. 9070 und 9072).

1565
Die letzte Äbtissin Katharina von Rhena starb 1565, die letzte Nonne 1577.

1567

Über 200 Menschen starben in Netze an der Pest.

1618 – 48

Netze wurde im 30-jährigen Krieg durch schwedische und kaiserliche Truppen so zerstört, dass von 72 Wohnstätten nur noch 22 bewohnbar waren. In Netze lebten schließlich nur noch 13 Männer.

1666

Der Turmhelm der Klosterkirche wurde durch Blitzschlag zerstört. Es dauerte 20 Jahre bis der Turm eine „Welsche Haube“ erhielt.

1763
Der 7-jährige Krieg brachte für Netze eine neue Katastrophe. Das Dorf mußte mehrere Jahre wechselnde Besatzungstruppen aus Franzosen, Hessen, Braunschweiger und Engländer ertragen. Danach waren nur noch 7 Wohnstätten bewohnbar. Der Netzer Flügelaltar war jedoch abgenommen und in Sicherheit gebracht worden.

1800
Die Klostergebäude mit Kreuzgang wurden abgebrochen. Hier liegt der heutige Friedhof.

1845 – 46

Die Kirche erhielt ein neues Dach mit einer geringeren Neigung als das alte Dach. Daraufhin stürzte ein Teil des Seitenschiffs mit einem Teil der Nonnenempore ein. Außerdem wurde die Nonnenempore im Mittelschiff teilweise abgebrochen, so dass heute nur etwa ein Viertel der ursprünglichen Empore noch vorhanden ist.

1975 - 77
Der Dachstuhl der Kirche erhielt wieder seine ursprüngliche Höhe. Die Grabkapelle wurde saniert.

Redakteur: H.Dickmann - Aktualisierung: 03.07.2018