Leeden

Zeit nach der Aufhebung

1537-38

Graf Konrad von Tecklenburg (1501-57) führte die Reformation in der Grafschaft nach der Übernahme der Landesregierung 1534 ein, teilweise schon vorher, und erließ 1543 die Tecklenburger Kirchenordnung (Einführung der deutschen Messfeier und des Abendmahls unter beiderlei Gestalt).
Die Reformation fand auch im Kloster Leeden Eingang, das 1538 in ein gemischt konfessionelles adeliges Damenstift während der Amtszeit der Äbtissin Margarethe von Tecklenburg (1538-55) umgewandelt wurde. Sie war Nonne in Leeden und eine Schwester des Grafen, der vermutlich ihre Wahl zur Äbtissin durchsetzte. Der Umwandlungsprozess verlief behutsam, da zwei Nonnen ihre katholische Konfession behielten, weil der Graf die Ausübung des katholischen Glaubens nicht völlig verbot und vermutlich Rücksicht auf einflußreiche Verwandte dieser Nonnen nehmen mußte. Die Nonne Anna von Holthaus verließ 1540 das Kloster und erhielt sogar eine jährliche Alimentation aus dem Klostervermögen. Die Nonnne Elisabeth von Backe durfte als katholische Nonne im Stift bleiben.
Man kann davon ausgehen, dass auf Betreiben der Ritterschaft in der Grafschaft Tecklenburg das Klostervermögen zur Versorgung unverheirateter weiblicher Mitglieder erhalten und in zehn Präbenden für neun protestantische Stiftsdamen und eine katholische Dame aufgeteilt wurde. Die Stiftsdamen waren in verschiedenen Wohnhäusern untergebracht. Außer der Abtei waren noch 4 Wohnhäuser mit eigenen Haushaltungen vorhanden; jedes Haus stand unter der Leitung einer der 4 ältesten Damen (Quelle: Holsche S. 182-183 a.a.O.). In den meisten Fällen waren die Frauen auch Pfründnerinnen eines anderen Stiftes (z.B. Juliane Sophie Louise von der Recken um 1770, Chanoinesse der hochadlig freiweltlichen Stifter Leeden und Fröndenberg; Johanna Luise von Bar, Stiftsdame in Leeden und Lippstadt lt. Todesanzeige von 1827). Den Frauen blieb es unbenommen, eigene Rechtsgeschäfte abzuschließen, z.B. verkaufte 1607 das Kapitel der Kollegiatkirche St. Johann zu Osnabrück der Elisabeth von Backe (Jungfer im Stift Leeden) eine Kornrente  zu Merkendorf im Kirchspiel Leeden (Quelle: Regesten, DWUD). Seit dieser Zeit oblag die weltliche Verwaltung der Stiftsangelegenheiten einem Stiftsvogt bzw. Stiftsamtmann.


1548 - 49

Die Stiftsdamen verließen 1548 mit Ausnahme der katholisch gebliebenen Elisabeth von Backe für einige Zeit das Kloster, um sich vor den kaiserlichen (katholischen) Truppen unter dem Befehl des Grafen Maximilian von Egmond in Sicherheit zu bringen (Quelle: 900 Jahre Leeden S. 32).
(Graf Konrad von Tecklenburg gehörte dem Schmalkaldischen Bund an und mußte sich den kaiserlichen Truppen 1547 ergeben. Er trat die ihm gehörende Grafschaft Lingen zur Lösung aus der verhängten Reichsacht an Kaiser Karl V. ab, der die Grafschaft Lingen dem Grafen Maximilian übertrug.)
 
1568-1630

Im Zusammenhang mit der Entlassung von Stiftsangehörigen aus der Eigenhörigkeit wurden 1568 Gertrud van Heeven (Äbtissin 1555-83, resignierte), Sophia van Moppen (Kellnerin) und Katharina Grothues (Küsterin) namentlich erwähnt. Kloster Leeden wurde 1578 zu einer Steuerzahlung von 60 Reichstalern wegen der auf dem Reichstag zu Regensburg 1576 beschlossenen Türkensteuer veranschlagt (Quelle: Regesten, DWUD a.a.O.).
Graf Arnold V. von Tecklenburg erließ 1585 eine neue (calvinistische) Kirchenordnung, die bis zur Säkularisation bestehen blieb und die u.a. die Entfernung aller Schmuck- bzw. Kunstgegenstände in den Kirchen vorsah. Das hatte zur Folge, dass Kunstschätze in der Klosterkirche am Weihnachtsfest 1587 in einem Bildersturm zerstört wurden. Die Kirchenordnung sah ferner auch Regelungen für das Zusammenleben der Stiftsdamen vor, z.B. tägliche Gottesdienste morgens und nachmittags). Es ist nicht bekannt, ob die Damen karitative oder pädagosche Aufgaben wahrnahmen. Die protestantische Äbtissin Maria von Langen (1583-1635) legte bereits 1594 die äußeren Zeichen ihres Amtes ab.
Der 80-jährige Krieg (1568-1648) zwischen Spanien und den Generalstaaten spielte sich zeitweilig auch in der habsburgisch-spanisch beherrschten Grafschaft Lingen ab, die insbesondere zwischen 1597 bis 1605 von Truppen der Generalstaaten unter Moritz von Oranien besetzt war. Durch die wechselseitigen Plünderungszüge der Kriegsparteien waren die Grafschaften Lingen und Tecklenburg sowie das Stift Osnabrück betroffen. Zwar wurden Übergriffe auf das Kloster Leeden nicht bekannt, doch dürfte die Not der betroffenen Klosterbauern auch die wirtschaftliche Situation des Klosters verschlechtert haben. 


1629–33
Kaiser Ferdinand II. erließ im 30-jährigen Krieg angesichts der militärischen Erfolge der katholischen Liga gegen die protestantische Union 1629 das Restitutionsedikt, das die Protestanten zur Rückgabe eingezogener Kirchengüter zwang und zur vorübergehenden
Ausweisung der Stiftsdamen aus dem Stift (1630-33) führte. Auf Veranlassung des Osnabrücker Bischofs besetzten kaiserliche Truppen 1630 gewaltsam Kloster und Kirche in Leeden. Die Stiftsdamen mußten das Kloster verlassen (Äbtissin Maria von Langen, Elisabeth Grothus, die Geschwister Judith, Margarethe und Anna Maria von Münster, Agnes Droste, Bertha von Diepenbrock und Elisabeth von Bake). Den Stiftsdamen wurden die Präbenden entzogen; ihre Proteste beim Kaiser nebst Erklärungen zum evangelischen Charakter des Stifts sowie ihre Bitten um Unterhalt blieben erfolglos. Ebenso blieb der Hinweis auf den Überfall des Klosters und den Raub von 8 Pferden durch Kriegsleute aus dem Elsass ohne Beachtung. Der protestantische Prediger wurde abgesetzt (Quelle: NRW Grafschaft Tecklenburg, 1.15 Kirchen und Klöster).
In Leeden wurde kurzzeitig wieder katholischer Gottesdienst eingerichtet. Der Osnabrücker Bischof von Wartenberg (1625-1661), der die Rekatholisierung rigoros betrieb, übertrug 1631 die Stiftseinkünfte dem neu gegründeten Klarissenkloster in Osnabrück. Die Verhältnisse in Leeden veränderten sich 1633 wieder zugunsten der protestantischen Seite, nachdem die Schweden das Stiftsgebiet besetzten und die Klarissen flüchteten, so dass die früheren Stiftsdamen zurückkehren konnten. In dieser unruhigen Zeit gingen vermutlich die meisten Urkunden verloren.
Die Äbtissin Maria von Langen resignierte aus Altersgründen 1635 nach einer Amtszeit von 52 Jahre. Ihr folgte Bertha von Diepenbrock als Äbtissin, die 1647 starb.  

1648-1700

Der Status des gemischt konfessionellen Stifts mit 10 Präbendenstellen wurde im Westfälischen Frieden entsprechend den konfessionellen Verhältnissen des „Normaljahres 1624“ (sog. Volmarsch'er Durchschlag) endgültig festgeschrieben und blieb bis zu Auflösung des Stifts 1812 bestehen.
Der Dreißigjährige Krieg hatte verwüstete bzw. aufgegebene Hofstellen im Stiftsgebiet hinterlassen. Das Stift erholte sich langsam von den Kriegsfolgen, so dass z.B. aufgeschobene Erneuerungsarbeiten an Kirche und Stiftsgebäuden 1666-68 ausgeführt und ein neuer Kirchturm 1685 errichtet werden konnten.
Die enge Bindung des Stiftes Leeden an die Grafen von Tecklenburg lockerte sich 1674. Das Grafenhaus verzichtete auf gewisse Vorrechte (Jägerbeköstigung und Hundefütterung durch das Stift), behielt sich aber das Recht der „Ersten Bitte“ vor und bestimmte die Wahl einer Äbtissin aus gräflichem Hause. Die Äbtissinnen Emilia Charlotte (1674-1713) und Sophia Johanna (1713-43) stammten aus dem Grafenhause Bentheim-Tecklenburg.
Der Leedener Konvent und die Ritterschaft der Grafschaft Tecklenburg vereinbarten 1687, Stiftspräbenden möglichst nur an Frauen aus der einheimische Ritterschaft (Beachtung des Indigenats) zu vergeben (Quelle: LA NRW, Abt. Westfalen, Grafschaft Tecklenburg, 1.15 Kirchen und Klöster).
Das Stift beanspruchte für die protestantische Kirchengemeinde das Patronatsrecht. Mehrmals kam es bei strittigen Einsetzungen eines Pfarrers zu Spannungen zwischen dem Stift und den Bewohnern des Kirchspiels Leeden, als die Äbtissin z.B. in den Jahren 1669 oder 1779 einen Pfarrer anstellen wollte, der von den Bewohnern abgelehnt wurde. Schließlich erkannte die preussische Regierung der Äbtissin nur noch ein Vorschlagsrecht zu.

 

1707 - 43
Da die Grafschaft Tecklenburg-Lingen 1707 an Preussen verkauft wurde, ging auch das gräfliche Recht der „Ersten Bitte“ an das Königreich Preussen über. Der Konvent war gehalten, nur eine preussische Prinzessin zur Äbtissin zu wählen. Das Vorschlagsrecht lag in Händen der Königinnen von Preussen.
Ein Brand beschädigte 1713 Teile der Klostergebäude am Tag der Amtseinführung der Äbtissin Sophia Johanna. Diese ließ 1723 einen Teilbereich der Abtei (das heutige Stiftshaus) als repräsentatives Wohnhaus im barocken Stil umbauen. Sie stiftete 1743 mit Zustimmung des preußischen Königs einen Stiftsorden als Zeichen der Zugehörigkeit der Stiftsdamen zum Konvent. In anderen Damenstiften des Königreichs Preussen trugen die Chanoinessen ebenfalls einen eigenen Stiftsorden (Quelle: Anhang zum Handbuch über den Königlich Preussischen Hof und Staat für das Jahr 1800).

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Foto: Jörg Birgoleit (Tecklenburg)

1744
Die Stiftsdamen gerieten mit dem Amtmann Krüger (1744-64) des Verwaltungsbezirks Leeden wegen seiner Amtsführung in Streit, der schließlich entlassen wurde. Hierbei dürfte wohl die Verschuldung des Stiftes durch zusätzliche Kriegssteuern und Einquartierungen infolge des Siebenjährigen Kriegs eine Rolle gespielt haben. Während noch in der Mitte des Jahrhunderts zahlreiche Kapitalien ausgeliehen waren, mußten die Stiftsseniorin Luise von Wulff und die übrigen Damen 1765 sich 2000 Reichstaler leihen und dafür einen Hof in der Bauerschaft Gaste verpfänden (Quelle: Urkunden Kloster Leeden a.a.O.).

1774

Das Amt der Äbtissin wurde in der Folgezeit an drei Prinzessinnen aus dem Hause Hohenzollern übertragen, die die Präbende jeweils als Kinder bis zur Heirat erhielten:
1. Prinzessin Friederike von Preußen (1774-91), Tochter Friedrich Wilhelm II.;
2. Prinzessin Auguste von Preußen (1791-97), Halbschwester von Friederike (Tochter aus 2.Ehe des Königs);
3. Prinzessin Friederike Wilhelmine Luise Amalie (1797), Tochter des Prinzen Louis von Preußen).
Diese Prinzessinnen waren zwar formal Äbtissinnen, wurden aber von der ältesten Stiftsdame vertreten; sie dürften als Kinder kaum eine persönliche Beziehung zum Stift bzw. zum Amt einer Äbtissin gehabt haben.
Das Zusammenleben der Stiftsdamen hatte sich im Laufe der Zeit verändert. Da sie für längere Zeit das Stift verlassen konnten, lebten von den 10 präbendierten Damen im ausgehenden 18.Jh. nur noch 2 ältere adelige Damen ständig im Kloster. Von den
4 Stiftshäusern waren 3 Häuser unbewohnt (Quelle: Holsche S. 182-183 a.a.O.: "Gegenwärtig ist die Kronprinzessin Friederike von Preussen königl. Hoheit Äbtissin des Stifts und läßt diesen Posten durch Stiftsfräulein Freiin von Grotehaus als Stellvertreterin verwalten, welche auch in dieser Eigenschaft die Abtei bewohnet. Von den übrigen Chanoinessen wohnet hier nur die Gräfin von Wartensleben, die übrigen sind abwesend, und drei Häuser stehen ledig.").

1802-51
Die bergische Verwaltung verbot 1802 die Aufnahme von Novizinnen. Das Stift wurde gem. Präfekturbeschluss vom 9. März 1812 durch den französischen Staatsrat Sailland endgültig aufgehoben.
Die baufälligen Stiftsgebäude, deren Instandsetzung unwirtschaftlich gewesen wäre, wurden nach ihrem Verkauf (1815) abgebrochen mit Ausnahme des sog. Äbtissinnenhauses (Stiftshaus) aus dem späten 15. Jahrhundert. Die letzten Stiftsdamen blieben hier bis zu ihrem Tod wohnen; als letzte starb 1851 die Vizeäbtissin Juliane von Blomberg. Der preussische König schenkte der Gemeinde 1819 die alte Stiftskirche, weil die an die Stiftskirche angebaute Gemeindekirche baufällig war und 1819 abgebrochen wurde.
 
1852 - 1954
Das Stiftshaus diente danach als Armenhaus, später als Wohnhaus des Küsters und nach dem 2.Weltkrieg auch als Wohnhaus für evakuierte Familien. Die Stiftskirche wurde 1945 durch Kriegseinwirkungen zerstört.
 
1954-85
Wiederherstellung der Stiftskirche 1954. Die erhaltenen Teile der Südwand der usprünglichen Stiftskirche wurden in den Neubau eingefügt.
Das Stiftshaus wurde 1973 durch Beschluß des Gemeinderates auf unbestimmte Zeit dem Heimatverein Leeden überlassen und 1985 in die Denkmalliste der Stadt Tecklenburg als ältestes Gebäude im Umkreis aufgenommen.
Redakteur: H. Dickmann - Aktualisierung: 06.08.2017