Graefenthal

Zeit bis zur Aufhebung

1248

Die Gründung des Zisterzienserinnenklosters Graefenthal durch Graf Otto II. von Geldern wird auf die Zeit um 1248 datiert; eine Stiftungsurkunde ist nicht erhalten.


1250 - 55

Papst Innozenz IV. ermächtigte 1250 den Kölner Erzbischof Konrad von Hochstaden (1238–61), den Beichtvater für das Kloster Graefenthal zu bestellen. Er verlieh der Äbtissin und dem Konvent das Recht, Grundbesitz und anderes bewegliches und unbewegliches Vermögen zu erwerben sowie Erbschaften der Nonnen anzunehmen; ferner stellte er das Kloster mit allen Besitzungen unter seinen Schutz (Quelle: OGZ Nrn. 1250.07.13, 1250.07.15 und 1250.08.08).
Die Erlaubnis des Kölner Erzbischofs für das Mutterkloster Roermond, eine Kirche nebst Kloster auf dem vom Grafen von Geldern geschenkten Gut Graefenthal zu errichten, wurde erst im Jahre 1252 ausgestellt. Gleichzeitig erlaubte der Erzbischof für den Fall seiner Verhinderung die Einweihung von Altar und Friedhof auch durch einen anderen Bischof und gewährte allen Gläubigen einen Ablass, die mit Spenden zum Bau der Abtei beitrügen (Quelle: OGZ Nr. 1252.10.31). Ottos verstorbene erste Frau Margarethe von Kleve (+ 1251) konnte bereits im Chor der neuen Klosterkirche bestattet werden. Zur Finanzierung der Baukosten wurden zwischen 1252–58 weitere Ablässe vom Papst Alexander IV sowie von den Bischöfen von Köln, Utrecht, Lüttich, Münster und Osnabrück gewährt.  Die Güter und Zuwendungen, mit denen Graf Otto das Kloster ausstattete, umfaßten für den Unterhalt des Klosters insbesondere
- mehrere jährliche Kornrenten (1252), die er aus dem novalen Zehnt

  (Rodungszehnt)   zu Lempt (Goch) und aus den gräflichen Gütern in

  Andelst (bei Valburg in der Betuve) und Mook (südlich von Nijmegen)

  erhielt mit der Maßgabe, dass diese Zuwendungen  von seinen

  Nachfolgern durch gleichwertige andere Leistungen ersetzt werden

  könnten (Quelle: OGZ Nr. 1252.03.31),
- die Burg Rott bei Asperden (1255) mit allem Zubehör als bleibender

  Aufenthaltsort für die Nonnen,
- ein befestigter gräflicher Wirtschaftshof (vorher an Gerhard verpachtet)

  und noch andere Höfe (vorher an Hermann verpachtet),
- der Pachtzins aus gräflichen Ländereien in Lempt (Goch),
- das Patronat über die Kirchen zu Gendt, Angeren und Doornenburg mit

  dem dritten Teil der Zehnteinkünfte, außerdem die Patronate über die

  Kirchen zu Leuth und zu Kessel (Quelle: OZG 1256.06.17B) sowie
- Fischfang in der Niers zwischen Asperden und Keldunck

  (Quelle: OGZ 1255.06.30).

1254 - 56

Der Papst gewährte 1254 dem Kloster das Ordensprivileg, stellte es 1256 erneut unter seinen Schutz und bestätigte dem Konvent und seiner aus Roermond stammenden Äbtissin Agnes den Besitz der von Graf Otto II. geschenkten Güter (Quelle: OGZ  1254.10.08; 1256.06.15).


1258 - 65
Das Kloster verfügte außer den Stiftungsgütern bereits über weiteren Grundbesitz, z.B. angepachtete Liegenschaften in Asperden, in Veert sowie zahlreiche Hofplätze im "Reich von Nijmegen" (in und um Nijmegen)  bzw. im sog. „Land zwischen Maas und Waal“. Der Pastor Ricolf von Oberasselt übertrug 1258 alle seine Güter an den Provisor Cuno der Münsterabtei Roermond unter dem Vorbehalt des Fruchtgebrauchs (Quelle: OGZ 1258.03.19). Später konnten Zerwürfnisse zwischen den Verwandten des Stifters (Arnold Praet und seine Brüder) und dem Kloster über Besitzansprüche auf diese Güter in einem Vergleich beigelegt wurden (Quelle: OGZ 1275.04.19). Auch andere Wohltäter in und um Nijmegen statteten das Kloster mit weiteren Liegenschaften, Häusern, Renten u.a. aus. Die Äbtissin erklärte 1265, dass das Kloster bereits vor 25 Jahren zwei Pachthöfe zu Asperden und Veert vom Utrechter Domkapitel erhalten hätte (Quelle: OSU-III- Nr.1680 a.a.O.).

Zwischen Klostergründung und Inkorporation 1260 vergingen 12 Jahre, weil vermutlich die erforderlichen Gebäude zur Einhaltung der Klausurbestimmungen nebst Klosterkirche erst jetzt fertiggestellt waren. Graefenthal war in dieser Zeit vom Mutterkloster Roermond abhängig und wurde von dessen Provisor Cuno nach außen vertreten. Nach Agnes von Roermond war Jutta von Gennep die erste vom Konvent gewählte Äbtissin. Mit der Inkorporation wurde Graefenthal dem Kloster Kamp unterstellt (Quelle: HStAD: Kloster Kamp, Nr. 143), das seitdem die Beichtväter stellte. Aufgrund der vielen Memorien- und Meßstiftungen waren im Laufe der Zeit zusätzliche Weltpriester (bis zu vier) zur Bedienung der Altäre erforderlich.

Die Nonnen stammten vorwiegend aus adeligen Familien in den Quartieren Roermond und Nijmegen der Grafschaft Geldern. Sie hatten beim Klostereintritt ihre adelige Abstammung in 4 Generationen nachzuweisen (Aufschwörung). Die Mitgift, die jeder Nonnne bei ihrem Klostereintritt von Eltern oder Verwandten zur Verfügung gestellt wurde, trug zum Wohlstand des Klosters bei. Verschiedene Beispiele zeigten unterschiedliche Formen einer solchen Mitgift zur Versorgung einer Nonne: Der Ritter von Heumen schenkte 1268 dem Kloster eine jährliche Rente für die Aufnahme seiner Tochter. Graf Dietrich VIII von Kleve übertrug 1303 eine Zinseinnahme aus einem Hof als Mitgift für seine vom Kloster aufgenommene Tochter. Die Äbtissin Catharina van Groesbeek (1400–12) erhielt 1367 beim Eintritt in das Kloster von ihrem Vater (Schöffe und Richter in Nijmegen) eine Leibrente aus Gütern zu Puiflijk (Quelle: Scholten a.a.O., Urkunden Nrn. 21, 96, 267 a.a.O.).


1266

Bischof Hendrik I. von Utrecht schenkte 1266 mit Zustimmung des Domkapitels dem Kloster weitere Anteile aus den Einkünften der Kirche von Gent. Aus diesen Einkünften war der Weltpriester dieser Kirche, der vom Kloster präsentiert werden durfte, zu bezahlen. Das Kloster wurde außerdem ermächtigt, auch die Weltpriester für die Filialkirchen in Angeren und Doornenburg zu bestimmen (Quelle: OGZ 1266.09.25).


1275 - 76

Zwischen dem Kloster unter der Äbtissin Maria Elisabeth von Boetberg und dem Pfarrer von Leuth entstanden Unstimmigkeiten über die dem Pfarrer zustehenden Anteile aus den Einkünften der Kirche von Leuth. Graf Rainald von Geldern bat 1275 den Kölner Erzbischof, die Verteilung der Einkünfte zwischen Kloster und Pfarrer für seine Seelsorgedienste festzusetzen (Quelle: OGZ 1276.03.04 ). Der Erzbischof bestätigte dem Kloster seine Besitzungen und beauftragte den Propst von St. Severin in Köln (auch Dekan von Straelen), die Verteilung zu regeln.
Desweiteren erhoben die Herren von Tegelen, die die Vogtei über Leuth besaßen, auch Anspruch auf das Patronat. Zwar verkaufte Reiner von Tegelen 1289 die Vogtei mit allen zugehörigen Gütern und Rechten dem Kloster (Quelle: OGZ 1289.01.17), doch wurde der Streit über das Patronatsrecht vom Kamper Abt erst 1291 entschieden. Die unberechtigten Ansprüche der Herren von Tegelen wurden zurückgewiesen (Quelle: OGZ 1289.08.17).

 

1280
Der Erwerb zahlreicher Grundherrschaften (Schenkungen und Ankäufe), die Memorienstiftungen und Zehntabgaben führten dazu, dass Graefenthal zu einem wohlhabenden Kloster wurde. Es waren vor allem die geldrisch-klevischen Herrscherhäuser, ihre Ministerialen sowie die Städte Goch und Kleve, die das Kloster bzw. auch die Klostergüter mit Privilegien unterstützten z.B. durch Befreiung der Höfe von Dienstleistungen, auf die der Landes- bzw. frühere Lehnherr Anspruch hatte, oder durch Befreiung von Wege- und Wasserzöllen sowie von unregelmäßigen und regelmäßigen Abgaben (Beden, Schatzungen und Aczisen).
Das Kloster kaufte 1279 vom Grafen Rainald I. den Wald Kamerforst bei Hassum. Die Vögtin von Straelen stiftete die Kaufsumme als Anniversarium und machte die Kultivierung des Waldgebietes zur Auflage (Quelle: Scholten a.a.O., Urkunden Nrn. 35, 40).  Propst, Dekan und Kapitel von St.Salvator in Utrecht übertrugen dem Kloster Graefenthal 1280 den ihrer Kirche zustehenden Zehnten von Asperden, außerdem noch einige Güter in Asperden, auf die der Lehnsträger (der Sohn des gräflichen Kochs Marselius) zu Gunsten des Klosters verzichtete (Quelle: OGZ 1280.07.23B a.a.O.).
Das Kloster erwarb 1291 das Lehngut Hommersum (ein Gebiet zwischen Gennep und Goch) mit allen zugehörigen Bewohnern, Wäldern, Länderein einschl. der Viller Mühle sowie dem Patronatsrecht über die Kirche von Hommersum mit der Kapelle Hassum von Johann von Reifferscheid und Malberg, einem Verwandten des Grafen von Geldern; letzterer verzichtete als Lehensherr auf alle ihm zustehende Abgaben aus diesem Besitz. Kirche und Kapelle wurden 1300 dem Kloster einverleibt, ferner die Bezüge des neuen Pfarrers in Hassum festgesetzt (Quelle: Scholten S. 90 a.a.O. nebst Urkunden Nr. 56, 78, 100 a.a.O.). Die Söhne des Johann von Reifferscheid erhoben später Anspruch auf das frühere Lehen Hommersum unter dem Vorwand, dass ihr Vater das Lehen mit allem Zubehör ohne Einwilligung seiner Frau verkauft hätte. Erst nach 30 Jahren wurden die Differenzen zwischen den Söhnen und dem Kloster beigelegt. Das Gebiet mit den Veen um Gennep diente insbesondere der Torfgewinnung.
Der Kamper Abt verkaufte 1291 dem Kloster Graefenthal verschiedene Güter in Bracht, Lobberich, Kaldenkirchen und Breyell.
Ein Streit war zwischen dem Kloster und Steven von Plees (dem Jüngeren) entstanden, der Besitzansprüche auf das Land erhob, auf dem das Kloster stand und das einst seinem Vater gehörte, sowie auf einige andere Güter in der Pfarrei Asperden (Quelle: Scholten S. 65 a.a.O.). Der Streit wurde 1291/92 durch einen Schiedspruch und eine Verzichtserklärung seitens des Ritters von Plees sowie seiner Schwester und seines Schwagers beigelegt (Quelle: OGZ 1291.09.21 und 1292.11.06).
Nach der Kamper Chronik lebten um 1280 insgesamt etwa 50 Nonnen und Laienschwestern im Kloster Graefenthal (Quelle: Kamper Chronik, S. 301 a.a.O.).

1300
Die meisten Urkunden des 14. Jahrhunderts regelten Ankäufe und Schenkungen von Ländereien, Stadthäusern in Nijmegen, Verpachtungen, Memorienstiftungen sowie Befreiung der dem Kloster verkauften Lehngüter von allen Lasten. Das Kloster trat bereits 1293 als Kreditgeber beim Kauf einer Rente für eine ungenannte Kreditsumme auf (Quelle: OGZ 1293.12.04). Graf Rainald von Geldern schenkte 1301 dem Kloster eine Mühle an der Niers zum Seelenheil seiner Eltern und Ehefrauen Irmegard und Margarethe (Quelle: Urkunde Nr. 3 LA-NRW). Graf Diedrich VIII von Kleve verlieh 1302 dem Kloster die Freiheit von allen Wege- und Wasserzöllen auf seinem Territorium. Das Domkapitel zu Utrecht verkaufte 1307 dem Kloster Graefenthal seinen Hof bei Veert sowie das Patronat über die Kirche zu Veert mit allen zugehörigen Liegenschaften, Wäldern und Zehntrechten, außerdem auch seine Güter und Wälder in Asperden bei Goch mit dem zugehörigen Kirchenpatronat (Quelle: Scholten a.a.O. Urkunde Nr. 115).  Die Kirche in Asperden nebst den ihr gehörenden Zehntrechten wurde 1320 dem Kloster inkorporiert (Quelle: Scholten a.a.O. Urkunden Nrn. 135,137). Der Edelherr Otto von Cuik befreite 1326 das Kloster von allen Abgaben für die auf seinem Territorium liegenden Klostergüter.

Der Hauptteil der Klostergüter lag in den Bauerschaften nahe beim Kloster (Gennep, Gaesdonck, Hommersum, Hassum, Asperden, Kessel, Goch).
In der ersten Hälfte des 14. Jhs. erfolgte nach den Urkunden auch ein erheblicher Besitzzuwachs des Klosters im „Reich von Nijmegen“ (in der Stadt Nijmegen bzw. in den Ortschaften Overasselt, Worsum, Heumen) sowie im „Land zwischen Maas und Waal“ (Ortschaften Gent, Deest, Winssen, Leeuwen, Druten, Afferden, Puiflijk). Dabei wurden zwischen 1300–45 mehrfach Bruder Dirk (der „graue Mönch von Worsum“) und Bruder Gerhard van Deest als Provisoren des Klosters bezeichnet, die die Klostergüter in diesem Gebiet verwalteten.
Klosterländereien lagen ferner im Gebiet der Ortschaften Bracht, Breyell, Lobberich, Kaldenkirchen, Leuth, Veert, Weeze, Kevelaer.
Weiterer Besitz konzentrierte sich auf den Raum Sinzig bzw. Bad-Bodendorf am Mittelrhein. Hier erwarb das Kloster zwischen 1301 bis 1380 Weinberge und Ackerland durch Schenkungen und Ankäufe. Der deutsche König Albert nahm 1307 die in Sinzig gelegenen Güter unter seinen Schutz (Quelle: Lacomblet III, Nr. 53 a.a.O.).
In einem Urbar aus dem Jahre 1381 sind die Einnahmen des Klosters aus seinen Besitzungen umfassend aufgeführt (Scholten: Das Kloster Graefenthal, Anhang a.a.O.).

1300 - 50
Es gab aber auch Probleme: Im Jahre 1311 mußte der Propst von Emmerich einen Streit des Klosters mit dem Ritter Dirk von Groinoven (Patronatsherr der Kirche von Beuningen) um den Novalzins aus Ländereien in Beuningen schlichten, soweit sie auf Kosten des Klosters kultiviert worden waren (Quelle: OGZ 1311.06.03 a.a.O.).
Verschiedene Klostergüter waren durch "Entfremdung" in andere Hände gelangt, so dass Papst Johannes XXII. 1317 den Thesaurar der Stiftskirche von Xanten aufforderte, die dem Kloster Graefenthal entfremdeten Güter zu reklamieren; ebenso beauftragte Papst Clemens VI. 1342 den Thesaurar der Stiftskirche in Emmerich damit, derartige Güter wieder in den Besitz des Klosters zu bringen (Quelle: Scholten Nr. 130, 176 a.a.O.; s. auch Fürstenberg, Sterkrade, Mariendaal, Leeuwenhorst). Die Quellen schweigen jedoch über die erzielten Ergebnisse.
Der Thesaurar zu Emmerich forderte 1336 im päpstlichen Auftrag den Pfarrer zu Sinzig auf, die Zehntschuldner des Klosters Graefenthal zur Zahlung der verweigerten Zehnten und Abgaben anzuhalten (Quelle: LA-NRW, Graefenthal Nr. 15). In Einzelfällen ließ das Kloster insolvente Klosterpächter pfänden.
Clemens VI. forderte 1348 außerdem den Propst von Emmerich auf, Graefenthal künftig gegen ungerechte Bedrückungen zu schützen (Scholten a.a.O., Urkunde Nr. 188).

1350 - 76
Der Bruderkrieg zwischen Rainald und Eduard von Geldern um die Landesherrschaft in Geldern ab etwa 1350 brachte dem Kloster Graefenthal unruhige Zeiten. Da Johann von Kleve für Reinald Partei ergriff (letzterer verpfändete zur Finanzierung des Krieges bereits Ländereien, die 1473 endgültig an Kleve abgetreten wurden) , brandschatzte Eduard aus Rache das Klever Land. Dabei dürften zumindest Teile der Besitzungen des Klosters Graefenthal in Geldern verwüstet und Ernteerträge vernichtet worden sein. Das Kloster stand offensichtlich auf der Seite des Grafen Eduard, da es ihm und dem Herrn von Cuyk 1353 zur Bestreitung der Kriegskosten eine Geldsumme von 500 Schilden lieh (Quelle: Scholten: Nr.192 a.a.O.).  Das Kloster dürfte unter den Pestepidemien, Hungersnöten und Überschwemmungen in jener Zeit (vgl. Fürstenberg) gelitten haben.
Das Kloster war in der "Gocher Heide" markenberechtigt und nutzte ebenso wie die Markengenossen der umliegenden Dörfer das Heidegebiet zum Plaggen- und Torfstechen sowie als Weideland. Es kam seit etwa 1350 bis zur Mitte des 17. Jhs. häufiger zum Streit zwischen Kloster und der Stadt Goch über die Nutzung der Heide, da die Schafzucht und die Produktion von Wolle und Tuch für das Kloster, aber auch für die Region von großer wirtschaftlicher Bedeutung waren. Als die Stadt das Wollmonopol an sich zog, bestätigte sie aber dem Kloster ausdrücklich die traditionell ausgeübte Tuchweberei. Die Stadt Kleve bestätigte 1386 dem Kloster ein Steuerprivileg,  keine Wegegelder und Aczisen zahlen zu brauchen.
Die Bestimmung des Klosters als Grabstätte des geldrischen Grafenhauses endete im Jahr 1376 mit dem Tod des kinderlosen Herzogs Rainald III. (+1371) bzw. seiner (Halb)-Schwester Isabella von Geldern, Äbtissin in Graefenthal (+1376).

1400 ff

Das innere Klosterleben entsprach in seinem frühen Stadium sicherlich den benediktischen Grundsätzen. Der Entwicklungsprozess mit individuller standesgemäßer Lebensweise der Nonnen, mit eigenen Geschäfstätigkeiten und zulässigem Privatvermögen (z.B. Behandigung einzelner Nonnen mit Ländereien, Annahme von Erbschaften; s. auch Scholten a.a.O.: Urkunden Nrn. 221, 223, 272 a.a.O.) sowie mit einem Leben unter gelockerten Klausurvorschriften (z.B. modische Bekleidung, persönliche Dienstboten, Besuchs- und Reiseerleichterungen, Annahme von Patenschaften, aufwendige Feste bei einer Profess) wurde im Laufe der Zeit nach außen als Verweltlichung des monastischen Lebens und Verstoß gegen die Ordensgelübde wahrgenommen. Besonders die Anhänger der "devotio moderna" übten Kritik an der Lebensweise der Nonnen, hatten mit ihren Reformbemühungen in Graefenthal aber keinen Erfolg (Quelle: de kloosterpoort als sluitpost, S. 84,85 a.a.O.).
Vor allem waren die Klosterreformen in der 2.Hälfte des 15.Jahrhunderts Teil einer Kirchenreform nach dem Konzil von Basel (1431–49) und dem Ende des abendländischen Schismas. In den meisten traditionellen Zisterzienserinnenklöstern unter der Aufsicht des Klosters Kamp (vgl. Eppinghoven, Schledenhorst, Fürstenberg, Sterkrade, Saarn, Welver, Leuwenhorst) konnte Abt Heinrich IV. von Ray (1452-83) nur mit Mühe (teils mit Ausweisung der reformunwilligen Nonnen, teils mit Unterstützung von reformierten Nonnen aus einem anderen Kloster) das Reformziel einer inneren Erneuerung durch strenge Beachtung der Ordensideale und der Abschaffung des Privateigentum der Nonnen erreichen, weil viele Nonnen aus Sorge vor dem Verlust von Privilegien zunächst eine Reform ablehnten. Über entsprechende Reformbemühungen in Graefenthal gibt es jedoch keine Nachrichten.
Angeblich bedurfte Graefenthal "wegen seines guten Geistes" keiner Reform (vgl. Scholten, S.113 a.a.O.). Gegen diese Auffassung spricht aber, dass sich die Nonnen des Zwiespaltes zwischen Einhaltung des Armutsgelübdes und Besitz von Privatvermögen bewußt waren und möglicherweise drohende Eingriffe in ihre Privilegien durch eine bevorstehende Klosterreform befürchteten. Sie hatten z.B. 1448 in der Amtszeit der Äbtissin Elisabeth von Broichhausen (1442-69) die römische Kurie um Entscheidung gebeten (Quelle: Scholten a.a.O, Urkunden Nrn. 294, 295 a.a.O.), ob regelmäßige jährliche Einkünfte aus dem Klostervermögen (z.B. das sog. "Spielgeld" für private Bedürfnisse) gegen das Armutsgelübde verstoßen würden. Nicolaus von Cues (damals Archidiakon von Brabant) entschied im Auftrag des Kardinallegaten Johannes Carvajal, dass die Nonnen ohne Gewissensbisse ihre Lebensweise beibehalten und nicht wegen eines Verstoßes gegen das Gelübde getadelt werden könnten, wenn die jährlichen Zuwendungen aus einem gemeinsamen Fundus (ex communi repositorio) ausgezahlt würden. Das bedeutete letztlich, dass anderes Privateigentum als unzulässig galt. Dennoch wurde den Nonnen 1448 die Annahme von Erbschaften - und damit der Besitz von Privateigentum - erneut bestätigt. Dieses Problem, so scheint es, wurde nie richtig gelöst.

1473
Das Kloster Graefenthal kam 1473 vom Herzogtum Geldern zum Herzogtum Kleve, nachdem Karl der Kühne von Burgund das Herzogtum Geldern mit Unterstützung des Herzogs Johann von Kleve eroberte und der Klever Herzog für geleistete Kriegshilfe verschiedene geldrische Gebiete endgültig erhielt (z.B. Wachtendonk, Weeze, Goch).
Graefenthal leistete im Jahre 1473 den ihm vom Kamper Abt auferlegten Anteil von 4 Reichstalern einer "allgemeinen Ordenssteuer zur Verteidigung der Rechte und Privilegien der römischen Kurie“ (Quelle: Binterim und Mooren, Nr. 436 a.a.O.). Graefenthal galt als wohlhabend, da von den
14 Frauenklöster der Kamper Linie nur noch Leeuwenhorst 4 Rthl. zahlte, die übrigen 12 Klöster zwischen 1 bis 3 Rthl. je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Graefenthal wurde 1474 offensichtlich in der Zeit zwischen der Erorberung der Stadt Nijmegen durch Herzog Karl und der anschließenden Belagerung der Stadt Neuss in der Kölner Stiftsfehde "sehr ruiniert" (Quelle: Egbert Hop: "Kurze Beschreibung sämtlicher Klever Lande", Nijmegen, 1783). Es sind jedoch keine Angaben über das Ausmaß der Plünderungen, Gebäudeschäden oder finanziellen Lasten (Lösegeldforderungen) überliefert. Mit Hilfe des Klever Herzogs soll das Kloster sofort renoviert worden sein, er belehnte 1474 das Kloster außerdem mit dem Hof Yssem in Asperden (Quelle: Scholten, Nr. 305 a.a.O.). Trotz aller Belastungen durch die Renovierung beteiligte sich Graefenthal dennoch im Jahre 1474 mit einem Beitrag von 4 1/2 Rheinische Goldgulden an einer Kollekte zur Unterstützung des Klosters Eppinghoven, das während der Belagerung der Stadt Neuss in der Kölner Stifsfehde 1474 verwüstet wurde (Quelle: Kamper Chronik S. 333 a.a.O.).

1481
Der Kamper Abt Heinrich von Ray verbot 1481 den Nonnen in Graefenthal, Taufpatenschaften an Kindern adeliger Eltern zu übernehmen (Quelle: Scholten Nrn. 295 und 308 a.a.O.). Diese Entscheidung könnte durchaus als Reformansatz gelten, da sie  im Rahmen der Reformaktivitäten des Abts in den ihm unterstellten Frauenklöstern lag. Es läßt sich aber nicht weiter erschließen, warum sonstige Nachrichten über eine geplante oder durchgeführte Klosterreform im 15. Jh. nicht vorhanden sind. Möglicherweise wurde eine umfassende Reform in Graefenthal in der 2.Hälfte des 15. Jhs. wegen der Notzeiten in den letzten 20 Jahren mit Pestepidemien und Missernten infolge mehrfacher Sturmflut-Katastrophen im Gebiet zwischen Maas und Waal zurückgestellt.

1500
Ein Votivrelief aus der Klosterkirche (heute in St. Martin, Goch-Asperden) zeigt den Konvent des Klosters Graefenthal unter Führung der Äbtissin Beatrix von Honseler (+1536). Zur Zeit dieser Äbtissin versuchte der Kamper Abt, Mönche seines Klosters in Pfarrstellen unterzubringen, für die das Kloster das Patronat besaß. Die Äbtissin verwahrte sich vermutlich gegen solche Eingriffe in ihre Rechte, da auf Weisung des Papstes Julius II. (1503-13) der Propst von St.Kunibert und der Dechant von St.Severin in Köln die Angelegenheit untersuchen sollten (Quelle: Scholten a.a.O., Urkunde 311).
Die Äbtissin Beatrix sowie auch ihre Nachfolgerin Sophia von Wachtendonck (+1557) zeichneten sich einerseits durch eine sparsame Wirtschaftsführung aus, andererseits zahlten sie aber jeder Nonne aus den Klostereinkünften Präsenzgelder für die Teilnahme am Gottesdienst oder am gemeinschaftlichen Chorgebet (Quelle: Scholten S. 49-51 a.a.O.: "aus Vorsorge zur Anfachung des religiösen Eifers der Nonnen bzw. zur Erhaltung der Ordensstrenge und Mehrung des Gottesdienstes"). Diese Handhabung läßt deutlich erkennen, dass die adeligen Nonnen nicht regelmäßig am täglichen Chordienst teilnahmen und sich von einer strengen Beachtung der Klausurvorschriften entfernt hatten.

1542 - 44
Das Kloster stand unter den Druck neuer Steuerforderungen. Die klevischen Landstände hatten 1542 z.B. eine Reichssteuer (Türkenhilfe) aufzubringen. Der Klever Herzog Wilhelm V. (1539–92) erhob 1543 eine Landessteuer, um den Geldrischen Erbfolgekrieg mit Kaiser Karl V. zu finanzieren. Der Herzog ließ dabei mit Billigung der Stände u.a. die Kirchenschätze von Kirchen und Klöstern in seinem Territorium zur Bezahlung der Kriegskosten beschlagnahmen (vgl. auch Fürstenberg, Schledenhorst, Sterkrade, Duissern). Vermutlich zahlte Graefenthal größere Geldbeträge anstelle der Ablieferung von sakralen Wertgegenständen (Quelle: Scholten, S. 54 a.a.O.), da der Herzog mit der Pfändung von Klostergütern gedroht hatte. Er verlor diesen Krieg und mußte sich gegenüber Kaiser Karl V. verpflichten, den katholischen Glauben in seinen Ländern zu bewahren (Vertrag von Venlo 1543). Da er bis in die 70-er Jahre einen eigenen ausgleichenden Reformkurs betrieb und Wege für kirchliche Reformen im humanistischen Geist suchte („reformkatholischer Mittelweg“), ließ er 1558 bzw. 1562 den Laienkelch im Rahmen der katholischen Messfeier zu. Es gibt aber keine Nachrichten, ob Nonnen in Graefenthal hiervon Gebrauch machten. Kloster Graefenthal blieb als katholische Einrichtung bestehen.

1565 - 74
Der Kamper Abt Richard von Xanten visitierte das Kloster Graefenthal 1565 anlässlich der Wahl der Äbtissin Eva von Wachtendonck. Er stellte die Größe des Konvents (20 Nonnen), den Kassenbestand und die vorhandenen sakralen Einrichtungen für den Gottesdienst fest und empfahl den Nonnen, alles zu bewahren und zu vermehren (Quelle: Scholten a.a.O., Urkunde Nr. 315). Näheres über die Lebensweise der Nonnen, ihre Gebräuche, die Beachtung der Klausurgebote oder mögliche Regelabweichungen wurde nicht mitgeteilt. Offenbar wurde die Äbtissin aber zu einer besseren Wirtschaftsführung verpflichtet, da sie ein Bestandsverzeichnis (Zinsbuch) aller Pachthöfe zur Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben des Klosters anlegte.
Aufgrund der Konzilsergebnisse von Trient (1542–63) beschloss die Ordensleitung der Zisterzienser 1565, durch eine Reform der Klöster die „häretischen“ Einflüsse der Reformation zu beseitigen, die strenge Observanz der Ordensregeln sowie die Abschaffung des Privateigentums der Konventsmitglieder durchzusetzen; dafür setzte das Generalkapitel besondere Visitatoren ein (Quelle: Postina S. 225 a.a.O.). Der Generalabt von Citeaux, Nicolaus Boucherat, visitierte zwischen Juni und September 1574  ca. 50 Klöster in den Diözesen Köln und Lüttich mit dem Ziel, überall die Befolgung einer strengeren Observanz durchzusetzen. Er besuchte am 4.Juli 1574 das Kloster Graefenthal, in dem 18 Nonnen einschl. Äbtissin, 5 Novizinnen und 7 Laienschwestern lebten. Nach seinem Bericht traf er ideale Verhältnisse nicht an. Das Kloster war zwar hoch angesehen und sehr vornehm, es hatte auch eine gebildete und religiöse Äbtissin sowie einige ihr ebenbürtige Nonnen. Jedoch waren die jüngeren Nonnen überheblich und selbstgefällig, weil sie aus den vornehmsten Familien des Landes stammten. Die Äbtissin wagte nicht, diese Nonnen aus Furcht vor den Eltern zurechtzuweisen. Der Generalabt verordnete dem Konvent strengere Klausurregeln und informierte den Herzog über diese Visitation. Letzterer sicherte der Äbtissin zwar seinen zukünftigen Schutz zu (Quelle: Postina S. 261 a.a.O.), damit erschien die Sache aber als erledigt.
Aufgrund der nachfolgenden Krisenjahre, in denen das Klever Gebiet in den niederländischen Befreiungskampf gegen die spanische Herrschaft hineingezogen wurde, dürfte von dieser Reform eine nachhaltige Wirkung nicht ausgegangen sein.
Das Kloster wurde 1574 zu einer Abgabe von 150 Rtlr. für die Hochzeitsaussteuer klevischer Prinzessinnen herangezogen.

1583 - 1612
Der Übertritt des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Gebhard Truchseß von Waldburg zum Protestantismus, seine Exkommunizierung als Erzbischof und Absetzung als Kurfürst lösten den Truchsessischen Krieg (1583-1589) gegen seinen Nachfolger Ernst von Bayern um die Ansprüche auf den Kölner Bischofsstuhl und die Rückgewinnung des Kurfürstentums bzw. Erzstifts Köln aus.
Die kriegerischen Auseinandersetzungen spielten sich teilweise auch am Niederrhein ab, als die Söldner der Verbündeten Gebhard`s (Graf Adolf von Neuenahr, ab 1585 auch Martin Schenk von Nideggen im Dienst der Generalstaaten) Verwüstungen und Plünderungen im Niederstift Köln anrichteten (z.B. Zerstörung der Klöster Fürstenberg und Kamp; Besetzung der Festung Ruhrort 1587 und Überfälle auf die Frauenklöster Duissern, Sterkrade sowie die Abtei Hamborn). Schenk hatte schon vorher in spanischen Diensten von seiner Burg Blyenbeek aus seit 1577 die Rhein- und Maasgegend durch Überfälle drangsaliert; er plünderte z.B. das Augustinerkloster Gaesdonck (etwa 3 km westlich von Goch) mehrmals aus, so dass die Chorherren in Goch Zuflucht suchten.
Die Situation änderte sich noch mehrmals. Zwar endete der Truchsessische Krieg 1589, nachdem die Spanier fast das ganze niederrheinisch-holländische Grenzgebiet besetzen konnten, setzte sich aber im Spanisch-Niederländischen Krieg fort. Die Generalstaaten konnten 1591 bzw. 1597 die Spanier aus ihren Stützpunkten am Niederrhein vertreiben, jedoch erorberten 1598 die spanischen Söldner unter Mendoza verlorengegangene Gebiete zwischen Maas und Rhein zurück und behielten nach ihrem Abzug 1599 aus den besetzten westfälischen und niederrheinischen Gebieten noch mehrere Städte (Emmerich, Rees, Kalkar und Goch) weiter in ihren Händen.
Es läßt sich heute nicht mehr feststellen, ob Graefenthal in dieser Krisenzeit von Überfällen und Plünderungen völlig verschont blieb. Die Auswirkungen der Kriegszeiten waren für das Kloster jedenfalls so gravierend, dass es nahezu vor dem Ruin stand und die Zahl der Konventsmitglieder von 18 Nonnen im Jahr 1574 auf 9 Nonnen im Jahr 1612 herabsank. Dieser Rückgang hing wohl auch damit zusammen, dass einzelne Nonnen das Kloster verließen (Quelle: Koch, S. 111 a.a.O.: z.B. erklärte Maria von Bernsau 1588, dass sie bereits als Kind in Graefenthal untergebracht wurde. Sie verließ das Kloster und heiratete.).
Die Äbtissin Anna von Honseler (1588–1606) erklärte den spanischen Machthabern 1598, dass das Kloster nur durch Landverkäufe und neue Schulden zu erhalten wäre. Mit Zustimmung des Kamper Abtes wurde Grundbesitz in Overasselt verkauft und Schulden in Höhe von 2000 brabantische Gulden gemacht. Es mögen sich die Lebensbedingungen der Nonnen ab etwa 1600 allmählich verbessert haben, dennoch erscheinen Vorbehalte gegen den Befund des Abtes Matthias Duma zu Villers-Bettnach (Metz) angebracht, der als beauftragter Visitator "den Zustand des Klosters Graefenthal bei einer Visitation am 18.7.1612 vortrefflich und die Anweisungen von 1574 strikt eingehalten fand", gleichzeitig aber beanstandete, dass die Äbtissin das gemeinschaftliche Refektorium nicht aufsuchte (Quelle: Scholten, S. 53 a.a.O.).

1618 – 47
In den unruhigen Zeiten des 30-jährigen Krieges wurde die Sadt Goch und ihre Umgebung durch fremde Truppenverbände unterschiedlicher Herkunft drangsaliert. Große Schlachten fanden in der Region nicht statt, jedoch wirkte sich der wechselnde Aufenthalt bzw. häufige Durchzug fremder Truppen (niederländische, spanische, kaiserlich-kroatische oder hessische Truppen) mit Einquartierungen, Plünderungen, Brandschatzungen und Eintreiben von Fouragelieferungen und Zwangsgeldern verheerend aus. Durch Kriegseinwirkungen, Zerstörung zahlreicher Hofstellen in und um Goch, Flurschäden und Pest (1635-37) kam mehr als die Hälfte der Bevölkerung um. Die Stadtchronik berichtete, dass im Jahr 1639 "grausames Elend, Not und gründliches Verderben endgültig über die Stadt gekommen wären". (Ausführlich wurde die Entwicklung der Stadt Goch nach dem Dreißigjährigen Krieg in der Dissertation von Markus Zbroschzyk über die Peuplierungspolitik der brandenburgischen Kurfürsten in den rheinischen Territorien behandelt, 2014, S. 338).
Kloster Graefenthal war durch die Folgen des Krieges so betroffen, dass es ab 1637 Schulden machen und Renten sowie Höfe mit Zustimmung des Kamper Abtes Petrus Polonius (1636-64) verkaufen mußte. Der Konvent schrumpfte in dieser Zeit, die Zahl der Nonnen sank auf weniger als 15 herab. Trotz der Schutzbriefe, die das Kloster vom Kaiser bzw. vom Kurfürsten von Brandenburg besaß, mußte es neue Kriegsabgaben 1643 an den Kaiser und 1645 an den Kurfürsten leisten. Das Kloster verlor 1647 das Patronat über die Kirche zu Kessel an den Freiherrn von Neukirchen-Nievenheim (Amtmann von Goch und Gennep), dem der Gerichtsbezirk von Kessel unterstellt wurde. Der Konvent entschloss sich wegen der angespannten Wirtschaftslage - bei aller Not war auch noch der Viehhof innerhalb der Klosterimmunität abgebrannt - zu drastischen Sparmaßnahmen für alle Klosterbewohner (z.B. nur noch eine gemeinsame Küche für alle Klosterbewohner; kein Dienstpersonal für Geistliche).
Nur kurzzeitig stieg 1649 die Zahl der Nonnen wieder auf 15 an, stagnierte dann bis zur Klosteraufhebung bei 8 bis 9 Nonnen (im 7-jährigen Krieg nur noch 6 Nonnen).
Die wirtschaftliche Erholung des Klosters dauerte infolge der Rückschläge im Holländischen Krieg (1672-79) noch bis zum Ende des Jahrhunderts.

1653 - 54
Das vereinigte Herzogtum Jülich-Kleve-Berg war nach dem Erbfolgestreit (1609-14) geteilt worden, so dass Kleve, die Grafschaften Mark und Ravensberg sowie die Herrschaft Ravenstein an den protestantischen Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, Jülich aber an das katholische Pfalz-Neuburg fielen. Die brandenburgischen Kurfürsten verstanden sich als Schutzherren der Protestanten, verhielten sich aber tolerant und versuchten in erster Linie, ausländische Religionsflüchtlinge (Hugenotten) im klevischen Land anzusiedeln, um das Wachstum der Bevölkerung zu fördern und die wirtschaftliche Stagnation des ruinierten Landes zu überwinden.
Die Entwicklung des Landes Brandenburg-Preussen zu einem absolutistisch regierten Zentralstaat war unter Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1640-1688) eng mit dem Aufbau eines ständigen Heeres verbunden, zu dessen Finanzierung der Kurfürst den Ständen die Steuerbewilligungen abringen und dafür ihre Privilegien bestätigen mußte. Die Steuerquoten für die Städte, für den Adel, den Klerus und die Bewohner des "platten Landes" in der Klever Landesprovinz blieben nach dem Landtagsabschied von 1653 ungleich verteilt, die Städte und die Bewohner des "platten Landes" hatten die höchsten traditionellen Kontributionen (Grundsteuern) aufzubringen. Aufgrund der Steuermatrikel 1653 für das Land Kleve betrug der Steueranteil des Klosters Graefenthal 188 Rtlr. (Quelle: Antwort Kur-Pfalz: gravamina I, Beilagen Lit.B; vergleichsweise Kloster Fürstenberg 117, Kloster Schledenhorst 72 und Kloster Sterkrade 53 Rtlr). Die unterschiedlichen Beträge weisen durchaus auf die Größe des Grundbesitzes der klevischen Zisterzienserinnenklöster hin.
Graefenthal besaß von alters her die Steuerfreiheit für seine Mühlen in Asperden und Viller. Noch 1652 bestätigte die Stadt Goch dem Kloster auf Anfrage der Äbtissin Maria Elisabeth von Boetberg, auf die Bewohner der Ämter Goch und Asperden keinen Mahlzwang ausüben zu wollen (Quelle: Gravavima 64, Lit. X VII a.a.O.). Das Kloster besaß ferner für das ihm gehörende Brau- und Wirtshaus Wortelenkamp bei Goch eine Brau- und Schankgerechtigkeit und war von der Besteuerung des ausgeschenkten Bieres befreit. Die Stadt Goch erhöhte jedoch kurze Zeit später die bisherigen Akzisen (Wegezölle, Bier- und Mahlzinsen) und führte einen Mahlzwang für die Bewohner der Ämter Goch und Asperden ein, der die bisherige Steuerfreiheit des Klosters unwirksam werden ließ. Außerdem erhob die Stadt für den bisher steuerfreien Bierausschank der Klosterbrauerei nunmehr eine Bierakzise. Aus der Sicht des Klosters waren diese Maßnahmen Eingriffe in die Privilegien der Nonnen, aus der Sicht der Stadt aber zum Wiederaufbau der weitgehend zerstörten und entvölkerten Stadt nötig. Es kam zu langwierigen Prozessen gegen die brandenburgisch-preussische Landesregierung in Kleve. Außerdem prozessierte das Kloster gegen den Freiherrn von Nievenheim, der dem Kloster die Ausübung der Jagdgerechtigkeit in den Wäldern von Goch und Asperden streitig machte.
Das Kloster erreichte durch seine Klagen, dass ihm in der Zeit der brandenburgischen Kurfürsten die bisherigen Privilegien vermutlich als Zugeständnisse zur Wahrung des Religionsfriedens zunächst belassen wurden (Mahl- und Bierfreiheit 1688, Jagdgerechtigkeit 1696), doch gingen diese Privilegien 1723 durch die Entscheidungen preussischer Behörden bzw. Gerichte endgültig verloren.

1655 
Angesichts der Zeitumstände sowie der wirtschaftlichen Schwäche und Schulden des Klosters erscheint es unwahrscheinlich, dass die Nonnen streng nach den Klausurregeln lebten, auch wenn bei der Visitation im Jahre 1655 durch die Äbte Peter Polenius (Kloster Kamp) und Johann Blanckenberg (Kloster Altenberg) angeblich nichts zu tadeln war (Quelle: Scholten, S.113 a.a.O.).
 

1672
Französiche Truppen erorberten im Holländischen Krieg (1672-79) - ausgelöst durch den Angriff des französischen Königs Ludwig XIV. auf die Generalstaaten, auf ihrem Vormarsch die niederrheinischen Festungsstädte (Wesel, Orsoy, Emmerich, Rees, Nijmegen), die in niederländischer Hand waren. Bündnispartner der Franzosen waren die Fürstbischöfe von Köln und Münster, während die Niederländer vom brandenburgischen Kurfürsten unterstützt wurden. Der erste Abschnitt des Krieges (1672-74) endete damit, dass die Niederländer weite Gebiete zwischen der Zuidersee, Utrecht und dem Rhein fluteten (Holländische Wasserlinie) und die Franzosen zum Rückzug zwangen. Das Klever Land war in dieser Zeit ein Durchmarschgebiet der vorrückenden bzw. zurückweichenden französischen Truppen und der danach folgenden kaiserlichen Verbündeten, die sich alle auf Kosten der Landbevölkerung mit Lebensmitteln versorgten. Dem Kloster Graefenthal entstanden in dieser Zeit erhebliche Schäden (Quelle: Scholten S. 57 a.a.O.: Forst- und Feldschäden, Viehdiebstähle, Brandschatzungen, Ausgaben für Sauvegarden und Fouragelieferungen sowie Pachtausfälle).
Französiche Einheiten waren z.B. abgestellt worden, in den Dörfern des Klever Landes zu "fouragieren und Kriegskontributionen durch Brandschatzungen oder Erpressung von Zwangsabgaben einzutreiben" (Quelle: Depping, "Geschichte des Krieges der Münsterer und Cölner, im Bündnisse mit Frankreich, gegen Holland in den Jahren 1672,1673 und 1674, S.90,127,128, Münster 1840"). Der französische Hof befahl, Kleve als Vergeltung dafür zu brandschatzen, dass brandenburgische Söldner Kriegssteuern im münsterischen Stiftsgebiet erpressten (Quelle: S. 129 ebd.).
Durch die im Klever Land verusachten Schäden hielt die angespannte Wirtschaftslage des Klosters weiterhin an; es mußte aufgrund seiner geringen Einnahmen 1680 ein Darlehen aufnehmen bzw. sich 1695 nochmals Geld durch den Verkauf mehrerer Wirtschaftshöfe bei Nijmegen beschaffen.

1696
Auf die Klagen des Klosters über die Verletzung seiner uralten Jagdrechte in den Wäldern von Goch und Aasperden durch den Freiherrn von Nievenheim gestand man im Jahre 1696 dem Kloster gerichtlich zunächst den Schutz seiner Rechte zu.

1705
Um die Wende des Jhs. hatten sich Graefenthal und die Stadt Goch mit ihrem Umfeld wirtschaftlich erholt, so dass das Kloster wieder in der Lage war, Ländereien zu kaufen und Umbauten der Klosteranlage im barocken Stil im Jahre 1711 vorzunehmen, die im bescheidenen Maße Ansätze zur Repräsentation und Prachtentfaltung (s. Bild 1) zeigten.

1723
Hatte sich das Kloster gegen die Eingriffe in seine Privilegien (Einführung des Mühlenzwangs, Erhebung der Bierakzise und Bestreitung der Jagdgerechtigkeit) seit Mitte des 17.Jhs. bisher erfolgreich wehren können, so wiesen preussische Behörden und Gerichte die Beschwerden des Klosters 1723 auf königliche Weisung endgültig ab.
Dem Kloster wurde die Jagdgerechtigkeit von der preussischen Kriegs- und Domänenkammer in Kleve abgesprochen und ihm unter Strafandrohung auferlegt, sich der Jagd zu enthalten. Das Kloster beklagte sich, dass dieses Privileg von der Obrigkeit mit der einen Hand geschützt, mit der anderen Hand wieder genommen würde (Quelle: Gravamen Nr. 53, Lit. CQ und CR a.a.O.).
Mühlenzwang und Biersteuer erwiesen sich als Mittel des preussischen Fiskus, die Steuerfreiheiten des Klosters zu umgehen; lediglich das Bierbrauen für den eigenen Bedarf des Klosters blieb steuerfrei (Quelle: Gravamen Nr. 64 a.a.O. mit Adjuncta Lit. CM, CN, CO sowie Lit. CS, CT a.a.O.).

1757 – 71
Die Lage des Klosters verschlechterte sich erneut dramatisch, weil es im 7-jährigen Krieg (1757–63) Matrikularbeiträge (Kriegssteuern) und Fouragelieferungen für durchmarschierende oder in den Winterquartieren liegende französische Truppen aufzubringen hatte (z.B. war der Ort Kessel wiederholt von fremden Truppen besetzt). Infolge dieser Belastungen mußte das Kloster 14457 Reichstaler Schulden machen.
Die Äbtissin Charlotta von Gelder (1748–81) schätzte im Jahre 1771 die Einkünfte der Abtei auf ca. 8000 Reichstaler (Quelle: Scholten, S.114 a.a.O.). In ihrer Amtszeit wurden umfangreiche Erneuerungsarbeiten (z.B. Neubau des einsturzgefährdeten Dormitoriums, Errichtung des Torhauses, Ausstattung der Kirche durch Hochaltar, Orgel, Chorgestühl) ausgeführt.

1761
Die Kapelle "St. Maria an der Heiden" in Elmpt-Overhetfeld (Niederkrüchten) beherbergt einen flandrischen Schnitzaltar aus dem Kloster Graefenthal, der in der Werkstatt des Schnitzers Johannes de Valle und des Malers Jan Pree aus Antwerpen (ca. 1525-1545) vermutlich auf Bestellung der Äbtissin Beatrix von Honseler angefertigt wurde.
Die Äbtissin Charlotta von Gelder überließ 1761 ihrer Schwester Freiin Adelphine von Geloes (Besitzerin des Schlosses Dilborn) das Altarretabel.
800px-Elmpter-Kapelle_9638.JPG

Foto: Klaus Erdmann, 2015
(m.fr.Zustimmung, unverändertes Foto aus GenWiki)

1780
Aufgrund des liberalen Gedankengutes der "Aufklärung" drohte dem Kloster Graefenthal die Aufhebung. Kontemplative Klöster galten in dieser Epoche als überfüssige Institutionen, deren Vermögen verstaatlicht und besser für Reformen im Staatswesen verwendet werden sollten.

1790

Die Auswirkungen der französischen Revolution waren für die Nonnen erkennbar, da in Goch 1794 zahlreiche französische Emigranten (mehr als 40 Priester) lebten. Französische Revolutionstruppen annektierten 1794 das linke Rheingebiet. Die Militärverwaltung belastete die geistlichen Einrichtungen in erheblichem Maße mit Kontributionen (Holz, Vieh, Lebensmittel, Einquartierungen) zum Unterhalt der eigenen Truppen. Da der Beichtvater nicht mehr aus dem Kloster Kamp kam, wurde der Vikar Franz Christoph Horsterman Beichtvater und Rentmeister im Kloster Graefenthal. Ab 1797 wurde das linke Rheingebiet in das französische Rechts- und Verwaltungssystem eingegliedert. Seitdem konnte das Kloster nicht mehr frei über seine Besitzungen verfügen.

1802
Anders als im rechtsrheinischen Gebiet fand die Säkularisation in den seit 1798 bestehenden linkrheinischen Departements im Jahre 1802 statt, nachdem im Vertrag von Luneville (1801) das linke Rheinland Bestandteil Frankreichs geworden war. Sämtliche Klöster wurden durch Konsularbeschluß vom 9.6.1802 aufgelöst. Der Klosterbesitz Graefenthal (etwa 6300 Morgen Land und 36 Bauern-höfe) wurde verstaatlicht. Bei der Aufhebung lebten noch 11 Konventualinnen im Kloster, außerdem
4 Priester und weiteres Dienstpersonal (insgesamt 43 Personen). Die letzte Äbtissin Adolphine Maria van Reets legte ihr Amt im August 1802 nieder.
Redakteur: H.Dickmann - Aktualisierung: 01.08.2018